Der Verständigungsprozess der DGSA-Fachgruppe „Soziale Arbeit in der Lehre“ über einen notwendigen Paradigmenwechsel
Birgit Hilliger und Johannes Emmerich
Warum die Soziale Arbeit einen gemeinsamen Verständigungsprozess über Studium und Lehre braucht?
Wie sieht eine gute Lehre der Sozialen Arbeit in Zukunft aus? Diese zunächst einfach erscheinende Frage ist heute schwieriger zu beantworten als noch vor einigen Jahren. Denn nicht nur die Hochschulen verändern sich. Gesellschaftliche Krisen, Globalisierung, Ökonomisierung, soziale Medien und Künstliche Intelligenz verändern unseren Alltag, unsere Kommunikation und unsere Arbeitswelt. Sie wirken auf und verändern Praktiken, Werte und Selbstverständnisse – und damit auch die Soziale Arbeit und das Studium der Sozialen Arbeit. Gleichzeitig verändern sich die Lebenslagen der Studierenden. Viele müssen Studium, Familie und Beruf miteinander vereinbaren. Damit wandeln sich Erwartungen an Inhalte, Formate und Strukturen des Studiums. Studiengänge differenzieren sich auch infolgedessen aus, Studienverläufe, Lehrformate und Praxisfelder werden vielfältiger.
Für die Fachgruppe Soziale Arbeit in der Lehre der DGSA stellt sich deshalb eine grundlegende Frage: Reicht es aus, bestehende Lehrformate, Strukturen oder Didaktiken weiterzuentwickeln – oder müssen wir grundsätzlicher darüber nachdenken, wie Studium und Lehre künftig gestaltet werden sollen?
Wenn die bisherigen Strukturen nicht mehr passen
Diese Entwicklungen lassen sich als Teil eines paradigmatischen Veränderungsprozesses verstehen. Ein Paradigmenwechsel wird notwendig, wenn bisherige Sichtweisen, Handlungsweisen und Strukturen nicht mehr ausreichen, um veränderten gesellschaftlichen und organisationalen Anforderungen gerecht zu werden. Dabei geht es um mehr als um eine Verbesserung des Bestehenden. Wenn sich gesellschaftliche Anforderungen, Interaktionsformen, soziale Praktiken und Selbstverständnisse verändern, müssen auch die Strukturen überprüft werden, in denen Lehre stattfindet. Genau darin liegt die besondere Herausforderung struktureller Veränderungsprozesse: Das Neue ist noch nicht bekannt. Es gibt kein fertiges Modell, das lediglich umgesetzt werden müsste. Strukturelles Lernen bedeutet vielmehr, bisherige Deutungsmuster, Routinen und Strukturen selbst zum Gegenstand der Reflexion zu machen. Es braucht eine kreative, prozessorientierte und gemeinschaftlich getragene Suche nach neuen und zukunftsfähigen Praktiken und Strukturen (vgl. Hilliger 2012, Hilliger; Hoffmann (2024).
Unsere These lautet deshalb: Die bestehenden hochschulischen Strukturen genügen nicht mehr den veränderten Anforderungen an Studium und Lehre. Gleichzeitig wissen wir noch nicht hinreichend, welche Strukturen eine gute Lehre der Zukunft ermöglichen. Gerade weil wir bei der Suche nach Lösungen häufig auf Erfahrungen aus der Vergangenheit zurückgreifen, besteht die Gefahr, Neues mit den Deutungsmustern des Alten gestalten zu wollen.
Die Zukunft der Lehre gemeinsam denken
Die DGSA-Fachgruppe Soziale Arbeit in der Lehre hat deshalb begonnen, einen offenen Diskussions- und Verständigungsprozess zur Zukunft der Lehre anzustoßen. Uns war dabei von Beginn an wichtig, unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen. Lehrende, Studierende, wissenschaftliche Mitarbeitende, Praxisvertreter*innen sowie Personen in Leitungs- und administrativen Funktionen an Hochschulen sollen ihre Erfahrungen, Erwartungen und Ideen einbringen können.
Den Auftakt bildete ein offenes Panel auf der DGSA-Jahrestagung im April 2024 an der Ernst-Abbe-Hochschule Jena. Auf dem Fachgruppentreffen im November 2024 wurde der Austausch fortgeführt. Im April 2025 folgte ein Online-Dialog mit sechs Perspektivworkshops. Bei einem Abschlusstreffen am 18. Juni 2025 wurden die Ergebnisse der bisherigen Diskussionen zusammengeführt und zueinander in Beziehung gesetzt. Die Fachgruppentreffen im November 2025 und 2026 führen diesen Prozess weiter. Damit soll der Diskurs nicht abgeschlossen werden – im Gegenteil: Er soll weiter geöffnet werden.
Welche Fragen müssen wir uns stellen?
Im bisherigen Austausch wurde deutlich, wie eng Fragen der Lehre mit dem Selbstverständnis der Sozialen Arbeit verbunden sind. Welche Funktion hat ein Studium der Sozialen Arbeit für die Professionalisierung von Wissenschaft und Praxis? Was bedeutet gute Lehre unter sich wandelnden gesellschaftlichen, technischen und institutionellen Bedingungen?
Dabei beschäftigen uns unter anderem Fragen nach den Kompetenzen, die Studierende künftig benötigen, nach dem Umgang mit Digitalisierung und nach der Verbindung von wissenschaftlichem Wissen und professionellem Handeln. Wie können Studierende lernen, Wissen nicht nur zu erwerben, sondern es auf konkrete Situationen anzuwenden, kritisch zu reflektieren und selbstständig weiterzuentwickeln? Welche Lehr-, Lern- und Prüfungsformate unterstützen solche Prozesse? Und wie kann der Theorie-Praxis-Transfer zwischen Hochschulen und Praxisfeldern Sozialer Arbeit gelingen?
Nicht zuletzt geht es um strukturelle Fragen: Welche zeitlichen, personellen und räumlichen Bedingungen benötigt gute Lehre? Wie können Teilhabe und unterschiedliche Lebenslagen von Studierenden berücksichtigt werden? Und welche Qualitätskriterien sollten Lehrende, Studierende und Praxis gemeinsam an Lehre anlegen?
Von der Wissensvermittlung zum gemeinsamen Bildungsprozess
Die bisherigen Diskussionen ergeben kein fertiges Modell für die Hochschule der Zukunft. Sie markieren vielmehr den Beginn eines weiteren Diskussions- und strukturellen Lernprozesses. Dennoch zeichnen sich einige gemeinsame Diskussionspunkte ab. Gute Lehre kann sich nicht auf die Vermittlung von Fachwissen beschränken. Studium muss stärker als Bildungs-, Entwicklungs- und Reflexionsraum verstanden werden. Damit rückt die Verbindung von Wissen, Können und Haltung in den Mittelpunkt. Studierende sollen wissenschaftliche Reflexionsfähigkeit mit praktischer Handlungskompetenz verbinden, eine professionelle Identität entwickeln und dazu befähigt werden, ihr Professionswissen angesichts gesellschaftlicher Veränderungen kontinuierlich weiterzuentwickeln. Eine solche Perspektive verändert auch das Verständnis von Lernen. Selbstgesteuertes Lernen, Mitgestaltung, Perspektivenvielfalt und Veränderungsbereitschaft gewinnen an Bedeutung. Gute Lehre braucht dialogische und möglichst angstfreie Räume, in denen unterschiedliche Perspektiven ausgesprochen und Widersprüche ausgehalten werden können. Sie braucht eine konstruktive Feedbackkultur und Möglichkeiten zur Selbstreflexion.
Theorie und Praxis nicht länger als getrennte Welten denken
Besonders deutlich wurde in den Diskussionen die Bedeutung des Theorie-Praxis-Transfers. Theorie und Praxis dürfen nicht als zwei voneinander getrennte Lernorte verstanden werden, zwischen denen Studierende selbst die Verbindung herstellen müssen. Notwendig ist vielmehr eine kontinuierliche Verschränkung über das gesamte Studium hinweg. Praxisphasen, Fallarbeit, der Einbezug von Praktiker*innen, Exkursionen und reflexive Begleitprozesse können hierzu beitragen. Gleichzeitig müssen Praxiserfahrungen wieder in wissenschaftliche Reflexionsprozesse zurückgeführt werden.
Das betrifft auch den Übergang vom Studium in den Beruf. Gerade in der ersten Phase beruflicher Tätigkeit besteht die Gefahr, dass wissenschaftliche Perspektiven gegenüber den Routinen und Handlungszwängen der Praxis in den Hintergrund treten. Professionalisierung endet deshalb nicht mit dem Hochschulabschluss.
Digitalisierung ist mehr als digitale Lehre
Digitalisierung und KI ziehen sich als Querschnittsthemen durch nahezu alle bisherigen Diskussionen. Dabei wäre es zu kurz gegriffen, Digitalisierung lediglich als Frage von Online-Lehre oder neuen technischen Werkzeugen zu behandeln. Digitalität verändert Kommunikation und soziale Interaktion – und damit auch Gegenstand und Praxis Sozialer Arbeit. Studierende benötigen deshalb nicht nur Anwendungskompetenzen. Fragen von Digitalethik, Datenschutz, algorithmischen Entscheidungen und den Grenzen von KI gehören ebenso in die Lehre wie die reflektierte Nutzung digitaler Instrumente. Auch hier zeigt sich: Neue Technik in bestehende Strukturen einzubauen, bedeutet noch keinen Paradigmenwechsel.
Gute Lehre braucht gute Strukturen und Studienbedingungen
Die Diskussion über die Zukunft der Lehre darf deshalb nicht allein bei didaktischen Methoden stehen bleiben. Gute Lehre ist auch eine Frage ihrer organisationalen Bedingungen. Seminargrößen, zeitliche Ressourcen, Lehrdeputate, Möglichkeiten des Co-Teachings, Räume für Begegnung und die Qualifizierung von Lehrenden beeinflussen unmittelbar, welche Formen des Lehrens und Lernens überhaupt möglich sind. Übervolle Seminare, Lehrdeputate von 18 SWS oder mehr, befristete Arbeitsverträge u.v.m. erschweren bzw. verunmöglichen dagegen gute Lehre. Hinzu kommen die Lebensbedingungen der Studierenden: Erwerbsarbeit, Sorgearbeit, Wohnsituation und finanzielle Belastungen beeinflussen Teilhabemöglichkeiten am Studium. Wer über die Qualität zukünftiger Lehre spricht, muss deshalb auch über deren strukturelle Voraussetzungen auf Seiten der Lehrenden und auf Seite der Studierenden sprechen.
Vielleicht liegt genau darin eine zentrale Erkenntnis unseres bisherigen Prozesses: Wir müssen die Zukunft der Lehre nicht bereits kennen, um mit ihrer Gestaltung beginnen zu können. Ein Paradigmenwechsel lässt sich nicht am Schreibtisch entwerfen und anschließend implementieren. Er entsteht in einem gemeinsamen Lernprozess, in dem bestehende Selbstverständlichkeiten hinterfragt, unterschiedliche Perspektiven miteinander konfrontiert und neue Möglichkeiten erprobt werden. Die Zukunft der Lehre in der Sozialen Arbeit ist deshalb weniger eine Frage nach dem einen richtigen Modell. Sie ist eine Einladung zu einem gemeinsamen strukturellen Lernprozess.
Autor*innen:
Birgit Hilliger ist Professorin für Theorien und Methoden der Sozialen an der Alice Salomon Hochschule Berlin und Co-Sprecherin der DGSA-Fachgruppe „Soziale Arbeit in der Lehre“
Johannes Emmerich ist Professor für Theorien, Konzepte und Methoden der Sozialen Arbeit an der katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen (Abteilung Paderborn). Er ist seit 2024 Co-Sprecher der DGSA-Fachgruppe „Soziale Arbeit in der Lehre“.
Die DGSA Fachgruppe Soziale Arbeit in der Lehre befasst sich mit Fragen
- der methodisch-didaktischen Vermittlung und curricularen Verankerung gegenstandsbezogener Theorien und Handlungskonzepte
- mit Konzepten zur professionellen Identitätsbildung in den Studiengängen Sozialer Arbeit.
- Den Rahmenbedingungen der Lehre für eine gute Lehre
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