Margrit Brückner und die Sektion Gender- und Queer Studies der DGSA – das ist von Beginn an ein enges Band. Kaum ein Arbeitstreffen, bei dem sie nicht dabei war. Zahlreiche Sitzungen, die sie mit Vorträgen bereichert hat. Und immer beteiligt, kundig, nachdenklich, kritisch, irritierend, mit klarer feministischer Haltung für die Interessen von Frauen, oftmals mutig gegen den Strom, aber immer in kollegialer Verbundenheit. Nun ist sie 80 Jahre alt geworden. Für uns ein besonders schöner Anlass, um ihrer Bedeutung für die Sektion öffentlich Ausdruck zu geben.
Margrit Brückner verkörpert mehr als 50 Jahre gelebte Frauen- und Geschlechterforschung. Sie ist emeritierte Professorin, außerdem Gruppenanalytikerin und Supervisorin. Was für ein Gewinn für unsere Sektion! Bereits in ihrer Promotion beschäftigte sie sich mit dem frauenpolitisch und in der Frauenforschung bis heute zentralen Thema der häuslichen Gewalt gegen Frauen. Für ihre Promotionsstudie „Die Liebe der Frauen – über das Verhältnis von Weiblichkeit und Misshandlung“, erschienen 1983, erhielt sie den Elisabeth-Selbert-Preis der Hessischen Landesregierung. In ihrer Habilitation untersuchte sie die Verwerfungen in den Institutionalisierungs- und Professionalisierungsprozessen der Hilfeangebote für Mädchen und Frauen. Die Studie „Frauen- und Mädchenprojekte: Von feministischen Gewissheiten zu neuen Suchbewegungen“ erschien 1996.
Forschungen und Veröffentlichungen zu Beeinträchtigungen des Lebens von Frauen und Mädchen waren und sind der konsequente rote Faden ihres Arbeitslebens bis heute. Dazu gehört zentral der Komplex der Gewalt in patriarchalen Geschlechterverhältnissen. Zwei Jahrzehnte war sie Vorsitzende des Arbeitskreises „Häusliche Gewalt“ im Landespräventionsrat Hessen des Justizministeriums. Darüber hinaus lieferte Margrit Brückner wichtige theoretisch-konzeptionelle wie auch empirische Beiträge zur Careforschung, Prostitutionsforschung, Professionalisierung feministischer Hilfeangebote, Frauenhausbewegung und Gewaltschutz, zu Beziehungen, Liebe und Sexualität im menschlichen Leben und in der Sozialen Arbeit. Das jüngste Produkt ihres immensen wissenschaftlichen Wirkens ist das Lehrbuch „Geschlecht und Soziale Arbeit“, das sie 2026 mit den Sektionskolleginnen Barbara Thiessen, Michaela Köttig, Lotte Rose und Yvonne Rubin bei Nomos veröffentlicht hat.
Es gab noch einen weiteren roten Faden im akademischen Leben von Margrit Brückner: die Fachhochschule Frankfurt am Main (später Frankfurt University of Applied Sciences). 1972 begann sie als Lehrbeauftragte und Fachhochschullehrerin ihren Weg an der FRA-UAS. 1979 wurde sie dort Professorin für Soziologie, Frauen- und Geschlechterforschung und Supervision. Damit hatte sie eine der seltenen Professuren mit expliziter Geschlechterdomination inne. An der Hochschule sorgte sie für die Verankerung von geschlechterbezogenen Lehrinhalten, immer in Verbindung mit entsprechender Praxis. Nicht zuletzt gehörte sie auch zur Initiativgruppe, die 2001 das gemeinsame Frauenforschungszentrums der Hessischen Fachhochschulen, später Gender- und Frauenforschungszentrum der Hessischen Hochschulen (gFFZ) gründete. Mehr als 10 Jahre war sie in der Fachlichen Leitung des gFFZ tätig.
2012 ging Margit Brückner in den offiziellen Ruhestand; der Wissenschaft, Hochschule und Praxisentwicklung blieb sie seitdem aber weiterhin kontinuierlich und aktiv eng verbunden. Sie ist als Lehrbeauftragte, Weiterbildnerin und Supervisorin tätig, schreibt, trägt vor, engagiert sich in Forschungs- und Entwicklungsnetzwerken. Dazu gehört beispielsweise der Initiativkreis „Care.Macht.Mehr“, der 2011 von Sozialwissenschaftler*innen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz mit dem Ziel gegründet wurde, die Care-Krise stärker öffentlich sichtbar zu machen.
Wir sind glücklich und stolz darauf, als Sektion der Gender- und Queer Studies eine einmalige und großartige Frauenforscherin wie Margrit Brückner dabei zu haben. Ihre Erfahrung, ihr Wissen und ihre langjährige Forschung sind für unsere Sektion unverzichtbar und erhellend. Wo Mainstream-Debatten im ‚Hier und Jetzt‘ vielleicht einseitig verengt sind, legt Margrit Brückner auch mal den Finger in die Wunde und erinnert an feministische Denktraditionen und Einsichten, die es lohnt, wieder in die Debatte zu holen.
Für Margit Brückner bleibt zentral, dass (nicht nur historisch betrachtet) der Ausgangspunkt feministischer Herrschaftskritik und Wissenschaft die Unterdrückung und Gewalterfahrungen von Frauen darstellt. Die Umbenennung der Sektion in „Gender und Queer Studies in der Sozialen Arbeit“ hat sie als Verlust der expliziten Benennung von „Frau“ wahrgenommen und engagiert dazu Stellung bezogen, beharrlich kritisch argumentiert. Dass sie dies gemacht hat, obwohl sie dabei wenig Unterstützung fand, ist uns gut in Erinnerung und flößt uns großen Respekt ein. Schließlich benannte sie etwas ‚Ungelöstes‘.
Kann über patriarchale Verhältnisse wirklich adäquat gesprochen werden, können diese wirklich gut verstanden werden, wenn Macht, Gewalt und Ungleichheit nicht mehr als Verhältnisse und soziale Beziehungen zwischen Frauen und Männern sichtbar gemacht werden können? Margit Brückner ruft so immer wieder in Erinnerung, dass die Widersprüche in der theoretischen Fassung von Geschlecht, Ungleichheit und Herrschaft niemals gänzlich auflösbar sind. Daher bleibt auch die Frage ein fortwährender Stachel, welchen Platz binäre Geschlechterkategorien in einer intersektionalitäts- und queertheoretisch fundierten Geschlechterforschung – nicht nur in der Soziale Arbeit – hat oder haben muss.
Liebe Margrit, wir wünschen dir von Herzen alles Gute fürs neue Lebensjahrzehnt! Wir sind froh, dass wir dich in unseren Reihen haben und hoffen, dass du uns weiterhin so engagiert, kritisch und kollegial verbunden bleibst…
Kerstin Balkow, Susanne Gerner, Lotte Rose (Sprecherinnen der DGSA-Sektion Gender- und Queer Studies in der Sozialen Arbeit)
Autorinnen:
Kerstin Balkow promoviert zu Geschlechterverhältnissen in der Sozialen Arbeit am Promotionszentrum Soziale Arbeit Hessen.
Susanne Gerner ist Professorin an der Evangelischen Hochschule Hessen für Theorien und Methoden Sozialer Arbeit.
Lotte Rose ist Professorin i.R. an der Frankfurt University of Applied Sciences, Mitglied im Promotionszentrum Soziale Arbeit Hessen.
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