Rechtsextremismus an Hochschulen – über Sprachlosigkeit, Wissenschaftsfreiheit und demokratische Hochschulkultur

Cornelius Lätzsch

Rechtsextremismus an Hochschulen erscheint häufig als Ausnahmefall: als Störung von außen, als Provokation einzelner Akteur*innen oder als punktueller Konflikt um Meinungsfreiheit. In einem Migraas-Talk der Fachgruppe Flucht, Migration, Rassismus- und Antisemitismuskritik im Juni 2026 zu „Rechtspopulismus und Rechtsextremismus an Hochschulen als Herausforderung für die (Sozialarbeits-)Wissenschaft“ wurde jedoch deutlich gemacht, dass eine solche Perspektive zu kurz greift. Denn die Frage ist nicht nur, wie Hochschulen auf rechte Einflussnahmen reagieren. Die Frage ist auch, welche Bedingungen innerhalb von Hochschulen selbst dazu beitragen, dass Sprachlosigkeit, Vereinzelung und Unsicherheit entstehen.

Im Zentrum des Talks stand die Vorstellung der Studie „Rechtspopulismus und Rechtsextremismus in Hochschulen“ (Haker/ Otterspeer 2025) durch den Erziehungswissenschaftler Dr. Lukas Otterspeer. Ergänzt wurde die Veranstaltung durch einen kommentierenden Impuls von unserer Fachgruppenkollegin Prof.‘in Dr.‘in Susanne Spindler. Moderation und Organisation des Talks übernahm Johannes Gleitz. Rund 35 Teilnehmer*innen diskutierten anschließend über demokratische Hochschulkultur, institutionelle Verantwortung und die Rolle Sozialer Arbeit in Zeiten autoritärer Verschiebungen.

Rechtsextremismus nicht als Randphänomen verstehen

Bereits zu Beginn wurde deutlich, dass Rechtsextremismus im Vortrag nicht als Ansammlung individueller Extrempositionen verstanden wurde. Vielmehr beschrieb Lukas Otterspeer Rechtsextremismus als „Ideologie der Ungleichwertigkeit“ – verbunden mit der Abwertung von als „anders“ markierten Menschen, autoritären Gesellschaftsvorstellungen und der Vorstellung gesellschaftlicher Homogenität (Heitmeyer et al. 2020, S.20).

Diese Perspektive verschiebt den Blick: Weg von der Frage, ob einzelne Aussagen eindeutig ‚rechtsextrem genug‘ seien, hin zu den gesellschaftlichen und institutionellen Bedingungen, unter denen Ungleichwertigkeitsvorstellungen normalisiert werden können. Genau darin liegt auch die Relevanz für Hochschulen. Denn Hochschulen sind keine neutralen Räume außerhalb gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Sie sind Teil gesellschaftlicher Auseinandersetzungen – und damit auch Orte, an denen rechte Diskurse anschlussfähig werden können.

Der Vortrag machte deutlich, dass Rechtsextremismus nicht nur ‚von außen‘ an Hochschulen herangetragen wird. Vielmehr nehmen rechte Akteur*innen selbst Wissenschaftlichkeit für sich in Anspruch, versuchen sich in akademischen Debatten zu positionieren und nutzen wissenschaftliche Autorität zur Legitimation ihrer Ideologien. Damit geraten nicht nur offene Angriffe auf Hochschulen in den Blick, sondern auch subtilere Verschiebungen von Sagbarkeiten, Diskursen und institutionellen Routinen.

Hochschulen als Orte gesellschaftlicher Machtverhältnisse

Anhand einer Medienanalyse von 119 Fällen zwischen 2013 und 2022 (Haker/ Otterspeer 2023) erklärte Otterspeer, wie vielfältig rechte Einflussnahmen an Hochschulen auftreten können. Thematisiert wurden unter anderem extrem rechte studentische Verbindungen, Netzwerke von Wissenschaftler*innen, Angriffe auf Forschungseinrichtungen sowie völkisch-nationalistische Positionierungen innerhalb wissenschaftlicher Debatten.

Dabei wurde auch historisch eingeordnet, dass Hochschulen keineswegs ausschließlich Orte demokratischer Emanzipation waren und sind. Die Geschichte deutscher Hochschulen sei immer auch eine Geschichte autoritärer und nationalistischer Kontinuitäten – von der Weimarer Republik bis in gegenwärtige politische Auseinandersetzungen hinein. Hochschulen erscheinen damit nicht nur als Orte kritischer Wissensproduktion, sondern ebenso als Institutionen, in denen gesellschaftliche Ausschlüsse reproduziert werden können.

Gerade für die Soziale Arbeit sind diese Entwicklungen bedeutsam. Denn soziale Ungleichheit, gesellschaftliche Teilhabe und demokratische Aushandlungsprozesse gehören zu ihren zentralen Gegenständen. Wenn rechte Ideologien an Hochschulen anschlussfähig werden, betrifft dies deshalb nicht nur die Institution Hochschule selbst, sondern auch professionelle Selbstverständnisse Sozialer Arbeit.

Wissenschaftsfreiheit heißt nicht Neutralität

Ein wichtiger Schwerpunkt des Talks lag auf der Frage nach Wissenschaftsfreiheit. Dabei wurde deutlich gemacht, dass Wissenschaftsfreiheit nicht nur als Schutz vor staatlichen Eingriffen verstanden werden kann. Wissenschaftsfreiheit bedeutet ebenso, Bedingungen zu schaffen, unter denen kritische Wissenschaft überhaupt möglich bleibt: institutionell, materiell und politisch

Gerade hierin liegt eine zentrale Spannung aktueller Debatten. Denn Forderungen nach ‚Neutralität‘ werden häufig genutzt, um Kritik an rechten Positionierungen zu delegitimieren. Die Vorstellung, Hochschulen müssten sich aus politischen Konflikten heraushalten, kann dabei selbst entpolitisierend wirken. Der Vortrag machte deutlich, dass demokratische Hochschulkultur nicht durch vermeintliche Neutralität entsteht, sondern durch die aktive Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Macht- und Ungleichheitsverhältnissen.

Zugleich wurde daran erinnert, dass Hochschulen einen demokratischen Bildungsauftrag haben. Wissenschaftsfreiheit ist deshalb nicht nur ein individuelles Recht, sondern immer auch mit institutioneller Verantwortung verbunden (Grimm 2021, S. 22-23).

Sprachlosigkeit als institutionelles Problem

Besonders eindrücklich waren die Einblicke in die empirischen Ergebnisse der Studie. In Interviews mit Betroffenen zeigte sich, dass rechte Einflussnahmen häufig Erfahrungen von Sprachlosigkeit und Vereinzelung erzeugen. Probleme könnten innerhalb von Hochschulen oftmals nicht angemessen benannt oder bearbeitet werden. Statt kollektiver Verantwortungsübernahme entstehe häufig der Eindruck, dass Einzelne mit Konflikten allein gelassen werden.

Hinzu komme ein paradoxes Moment: Wer sich gegen rechtsextreme Äußerungen positioniert, sieht sich nicht selten selbst dem Vorwurf mangelnder Offenheit oder Toleranz ausgesetzt. Diese Dynamik erschwert nicht nur Diskussionen, sondern trägt auch dazu bei, dass sich Betroffene zurückziehen oder Konflikte vermeiden.

Die Studie verweist damit auf ein strukturelles Problem: Nicht allein rechte Akteur*innen erzeugen Verunsicherung, sondern auch institutionelle Bedingungen, die Vereinzelung fördern. Besonders prekäre Beschäftigungsverhältnisse, Unsicherheiten im Wissenschaftssystem und diffuse Neutralitätsansprüche erschweren kollektive Handlungsfähigkeit.

Demokratische Hochschulkultur muss institutionell verankert werden

Der kommentierende Impuls von Susanne Spindler knüpfte genau an diesem Punkt an. Ausgehend von Erfahrungen an der Hochschule Düsseldorf schilderte sie erste Versuche, Thema und Brisanz der politischen Angriffe auf Wissenschaft und Hochschulen durch die extreme Rechte im Hochschulbewusstsein zu verankern.

Dabei wurde deutlich, dass die Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus nicht auf einzelne engagierte Personen oder Fachbereiche reduziert werden darf. Vielmehr brauche es institutionelle Strategien, fachbereichsübergreifende Zusammenarbeit und klare Verantwortlichkeiten. An der Hochschule Düsseldorf sei deshalb unter anderem eine Arbeitsgruppe entstanden, die sich mit demokratischer Hochschulkultur und rechtsextremen Einflussnahmen auseinandersetzt. Ziel sei es gewesen, Problembewusstsein innerhalb der Hochschule zu schaffen und unterschiedliche Hochschulakteur*innen einzubeziehen – vom Präsidium bis zu verschiedenen Gremien und Einrichtungen.

Relevant war dabei die Beobachtung, dass die Reaktionen innerhalb der Hochschule sehr unterschiedlich ausfielen: von Interesse zu Überraschungen und Unsicherheit bis hin zu Ablehnung im Kollegium. Gerade deshalb plädierte Susanne Spindler dafür, Rechtsextremismus nicht nur als juristische Herausforderung zu verstehen. Es gehe auch um Fragen der Hochschulkultur, der institutionellen Handlungsfähigkeit und der demokratischen Selbstverständigung.

Solidarität statt Vereinzelung

In der abschließenden Diskussion wurde mehrfach betont, dass Hochschulen klare Positionierungen gegenüber extrem rechten Einflussnahmen benötigen. Gleichzeitig wurde deutlich, dass solche Positionierungen unterschiedlich aussehen können und nicht allein in offiziellen Statements bestehen dürfen. Ebenso wichtig sind solidarische Netzwerke, hochschuldidaktische Konzepte, kollegiale Austauschformate und Räume, in denen Unsicherheiten überhaupt thematisiert werden können – nicht zuletzt dafür haben die Diskutant*innen auch die besondere Rolle von Fachgesellschaften ausgewiesen, die durch ihre institutionelle Unabhängigkeit und hochschulübergreifenden Rahmen einen Raum für Diskurs und solidarische Positionierung bieten können.

Der Talk machte damit deutlich, dass demokratische Hochschulkultur keine Selbstverständlichkeit ist. Sie entsteht nicht automatisch durch die Existenz wissenschaftlicher Institutionen, sondern muss kontinuierlich hergestellt, verteidigt und organisiert werden. Gerade für die Soziale Arbeit stellt sich damit die Frage, wie Hochschulen Orte bleiben können, an denen gesellschaftliche Konflikte nicht verdrängt, sondern kritisch bearbeitet werden.

Die Diskussion zur extremen Rechten an Hochschulen ist deshalb mehr als eine Debatte über diese. Sie ist auch eine Debatte über Wissenschaft, Demokratie und Solidarität – und darüber, unter welchen Bedingungen kritische Bildung heute überhaupt möglich ist.


Literatur

Grimm, Dieter (2021): Wissenschaftsfreiheit als Funktionsgrundrecht. In Grimm, Dieter; Zechlin, Lothar; Möllers, Christoph; Schimank, Uwe (Hrsg.): Wissenschaftsfreiheit in Deutschland. Drei Rechtswissenschaftliche Perspektiven (S. 17–23). Berlin: Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften.

Haker, C. & Otterspeer, L. (2025) Rechtspopulismus und Rechtsextremismus in HochschulenOBS-Arbeitspapier 83. Otto Brenner Stiftung. Online verfügbar: OBS-AP 83/Rechtspopulismus und Rechtsextremismus an Hochschulen (letzter Zugriff 9.6.2026)

Haker, C. & Otterspeer, L. (2023). Wissenschaftsbezogener Rechtspopulismus/-extremismus an Hochschulen – eine Feldexploration und Herausforderungen in der Lehre. Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation, 43(4), 373–390.

Heitmeyer, Wilhelm; Freiheit, Manuela; Sitzer, Peter (2020): Rechte Bedrohungsallianzen. Berlin: Suhrkamp.



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