Lutz Siemer
Wie aus einem Gespräch am Kaffeeautomaten eine sozialökologische Studienreform wurde
„Ich würde eigentlich gerne die ganze Bachelorarbeit durch eine Projektarbeit ersetzen.“
Der Satz fiel eher beiläufig. Es war ein Gespräch am Kaffeeautomaten zu Beginn einer Phase curricularer Überarbeitungen an der Saxion University of Applied Sciences in den Niederlanden. Wie im niederländischen Hochschulsystem üblich, wurde auch im deutschsprachigen Studiengang „Social Work” das Curriculum grundlegend überarbeitet. Was mich zu dieser Äußerung trieb, war meine zunehmende Unzufriedenheit mit der Entwicklung klassischer Bachelorarbeiten. Über viele Jahre war ich im Studiengang für die Bachelorarbeiten der Studierenden zuständig und hatte dabei zunehmend den Eindruck gewonnen, dass diese immer mehr zu sozialwissenschaftlichen Forschungsarbeiten wurden. Sie waren methodisch ausgearbeitet, theoretisch untermauert und wissenschaftlich ausgerichtet, aber oft weit entfernt von konkreter sozialarbeiterischer Praxis. Die Praxisrelevanz schien dabei zunehmend hinter die Wissenschaftlichkeit zurückzutreten.
Gleichzeitig rückte eine andere Frage immer stärker in den Vordergrund: Welche Rolle spielt Soziale Arbeit angesichts von Klimakrise, Nachhaltigkeitsfragen und sozialökologischer Transformation? Wenn planetare Grenzen überschritten werden, Klimafolgen soziale Ungleichheiten verschärfen und besonders verletzliche Gruppen überproportional betroffen sind, dann betrifft das die Adressat*innen Sozialer Arbeit unmittelbar. Kinder, Jugendliche, Menschen mit Behinderung, von Armut betroffene Menschen oder Geflüchtete sind und werden von den Folgen sozialökologischer Krisen überproportional betroffen.
Am Kaffeeautomaten sagte ich deshalb noch halb im Scherz: „Irgendwie sollten wir das Ganze auch grün machen.“ Aus diesem kurzen Gespräch entstand schließlich eine umfassende Reform der Abschlussphase des Studiengangs.
Von der Bachelorarbeit zur „Green Social Work“-Projektarbeit
Die Idee, die Bachelorarbeit durch ein „Green Social Work“-Projekt zu ersetzen, schien „zur rechten Zeit am rechten Platz“ zu sein. Überwiegend stieß die Idee auf Zustimmung. Einige Widerstände konnten produktiv aufgenommen werden. Über mehrere Monate kristallisierten sich sowohl die theoretische Basis – „Green Social Work“ als Oberbegriff für systematisches, naturrespektierendes Veränderungshandeln (Husi, 2022) – als auch die Struktur – eine einjährige, reale Projektarbeit – heraus. Zunächst entwickeln die Studierenden einen Projektentwurf, der als erste Prüfungsleistung bewertet wird. Anschließend werden die Projekte in der Praxis umgesetzt, evaluiert und schließlich öffentlich präsentiert. Der entscheidende Unterschied: Die Studierenden schreiben nicht mehr nur über gesellschaftliche Probleme. Sie stoßen konkrete Veränderungsprozesse an.
Dabei hilft eine Besonderheit des Studiengangs. Es handelt sich um einen Teilzeitstudiengang, in dem alle Studierenden während des gesamten Studiums mindestens zwanzig Stunden Praxis in der Sozialen Arbeit absolvieren müssen. Sie kennen die Praxisfelder, die Teams, die Leitungen und vor allem die Klient*innen häufig schon seit Jahren. So entstanden keine künstlichen Nachhaltigkeitsprojekte „von außen“, sondern eng an die Praxis angebundene Interventionen.
Die Projekte entwickelten sich dabei erstaunlich vielfältig. Einige Projekte waren kampagnenartig angelegt, andere beschäftigten sich mit Umweltbildung, nachhaltigem Konsum, Inklusion, Nachbarschaftsarbeit oder Beteiligungsformaten. Insgesamt entstanden in einem Jahrgang rund vierzig unterschiedliche Projekte.
Besonders eindrücklich war dabei, wie eng ökologische Fragen mit klassischen Themen Sozialer Arbeit verbunden wurden. Studierende begrünten gemeinsam mit Schulen Klassenräume und entwickelten nachhaltige Lernorte, um Umweltbewusstsein, Konzentration und Selbstwirksamkeit von Schüler*innen zu stärken. Andere Projekte arbeiteten mit Menschen mit Behinderung an inklusiven Klimabildungsformaten oder entwickelten Konzepte gegen Lebensmittelverschwendung in sozialen Einrichtungen. In einer Drogenberatungsstelle entstand beispielsweise ein niedrigschwelliger Foodsharing-Ansatz, bei dem gerettete Lebensmittel nicht nur verteilt, sondern auch in gemeinsamen Kochaktionen verarbeitet wurden. Nachhaltigkeit wurde hier unmittelbar mit sozialer Teilhabe, Begegnung und Armutsprävention verbunden.
Viele Projekte zeigten dabei, dass Green Social Work weit mehr sein kann als „grüne Pädagogik“. Es ging häufig um Empowerment, Teilhabe, Selbstwirksamkeit und die Frage, wie sozialökologische Transformation gemeinsam mit den Adressat*innen Sozialer Arbeit gestaltet werden kann.
Ein besonders sichtbares Beispiel war ein Projekt der Studierendengruppe „Trashformers“, bei dem gemeinsam mit Klient*innen Müll gesammelt und daraus eine mehrere Meter lange Fischskulptur entwickelt wurde. Der „Müllfisch“ wurde später auf dem „Green Social Work Congrestival“, einer öffentlichen Abschlussveranstaltung der Studieneinheit, ausgestellt. Das Projekt verband ökologische Fragen mit Kreativität, Partizipation und pädagogischer Arbeit – und machte sichtbar, dass Nachhaltigkeit in der Sozialen Arbeit nicht abstrakt bleiben muss.

Foto: Trashformers_gsw
Green Social Work ist mehr als „grüne Projekte“
Im ersten Durchlauf zeigte sich jedoch auch eine wichtige Herausforderung. Zu Beginn der Entwurfsphase bewegten sich viele Projektideen der Studierenden zunächst in einem Bereich, den man vielleicht als „schwache Nachhaltigkeit“ (Liedholz & Verch, 2022) beschreiben könnte: Hochbeete, Upcycling, Müllsammelaktionen oder Gartenarbeit. Das war keineswegs falsch. Es wurde jedoch schnell deutlich, dass Themen wie Klimagerechtigkeit, soziale Ungleichheit, Vulnerabilität oder politische Dimensionen stärker eingebunden werden müssen. Denn hier kam die curriculare Rahmung zum Tragen. Die Projekte waren keine freien Nachhaltigkeitsaktionen, sondern mussten an konkrete Lernziele und Prüfungsanforderungen angebunden werden. Die Studierenden mussten Fragen der Integration in politische und organisatorische Agenden, der aktiven Einbindung von Stakeholdern, der Förderung sozialer Teilhabe vulnerabler Gruppen, des methodischen Handelns im Gemeinwesen oder der Praxisforschung stärker in die Projekte integrieren und die Entwürfe entsprechend ausrichten. Dadurch wurde Green Social Work weniger zu einem Zusatzthema als vielmehr zu einer Perspektive, durch die klassische Herausforderungen der Sozialen Arbeit neu betrachtet wurden.
Interessant war dabei auch die Entwicklung der Studierenden selbst. Einige reagierten anfangs skeptisch auf die Reform. Während bei klassischen Bachelorarbeiten oft eine relativ freie Themenwahl möglich war, schien die neue Struktur zunächst thematisch einschränkend zu wirken. Im Verlauf des Jahres änderte sich dieser Eindruck jedoch. Viele Studierende entwickelten ein starkes Gefühl von Ownership. Es wurde „ihr“ Projekt, „ihr“ Thema und „ihr“ Beitrag zu einer sozialökologischen Transformation.
Das „Congrestival“ als öffentliche Prüfung
Der sichtbarste Ausdruck dieser Reform war das „Green Social Work Congrestival“, eine Mischung aus wissenschaftlichem Kongress, Festival und Prüfungsveranstaltung. Am Ende des Studienjahres stellten die Studierenden ihre Projekte in Form von Workshops, Vorträgen oder Posterpräsentationen vor. Rund vierzig Beiträge liefen teilweise parallel. Besucher*innen aus Praxisfeldern, Lehrende und Studierende aus anderen Jahrgängen bewegten sich zwischen den verschiedenen Tracks. Insgesamt entstand so eine Veranstaltung mit mehreren hundert Teilnehmenden, Keynotes, Diskussionen, Posterformaten und einem gemeinsamen Abschlussabend.
Prüfungstechnisch war ein solcher Tag eine enorme Herausforderung. Gleichzeitig entstand aber gerade dort der Eindruck, dass die Reform tatsächlich funktioniert. Die Projekte wirkten lebendig. Praxispartner*innen berichteten von konkretem Impact in ihren Einrichtungen. Kolleginnen beschrieben die Veranstaltung als außergewöhnlich inspirierend. Plötzlich trat der eigentliche Prüfungscharakter fast in den Hintergrund. Stattdessen entstand das Gefühl, gemeinsam an etwas Sinnvollem zu arbeiten.
Vielleicht liegt genau darin eine wichtige Frage für die Zukunft der Sozialen Arbeit. Wenn Studiengänge sozialökologische Transformation und Klimagerechtigkeit ernst nehmen wollen, reicht es möglicherweise nicht aus, nur neue Inhalte in bestehende Curricula einzubauen. Möglicherweise müssen sich dann auch Lernformen, Prüfungsformate und Vorstellungen von wissenschaftlicher Leistung verändern.
Denn der sozialökologische Kollaps ist letztendlich nicht nur eine ökologische Herausforderung, sondern auch eine Frage der Praxis Sozialer Arbeit, auf die auch das Studium der Sozialen Arbeit eine Antwort geben muss.
Husi, G. (2022). Grüne Soziale Arbeit–Eine sozialtheoretische Fundierung. Soziale Arbeit, 71(8–9), 300–309.
Liedholz, Y., & Verch, J. (2022). Nachhaltigkeit und Soziale Arbeit: Grundlagen, Bildungsverständnisse, Praxisfelder. Verlag Barbara Budrich.
Autor:
Dr. Lutz Siemer, Diplom-Psychologe, ist Mitglied der DGSA-Fachgruppe „Klimagerechtigkeit und sozialökologische Transformation“. Er ist Dozent für Soziale Arbeit an der Saxion University of Applied Sciences (Enschede/Niederlande) und wissenschaftlicher Mitarbeiter bei HeurekaNet – Freies Institut für Bildung, Forschung und Innovation e.V. (Münster/Deutschland).
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