Wenn die Wohnung zur Hitzefalle wird – und die Soziale Arbeit wegschaut

Mareike Schaefer

Warum Klimagerechtigkeit in die Kita-Sozialarbeit gehört

Kita-Sozialarbeit will Teilhabe stärken, Armut abbauen und präventiv arbeiten. Doch was bedeutet das, wenn die Klimakrise soziale Ungleichheiten weiter verschärft – und im jungen Handlungsfeld bislang kaum mitgedacht wird?

„Im Sommer ist es bei uns einfach nicht auszuhalten.“

Im Gespräch beschreibt eine Mutter ihre Wohnung im fünften Stock. Es wird schnell sehr heiß, die Luft steht. Lüften ist schwierig – zu groß ist die Angst, dass das Kind ans Fenster klettert. Direkt vor dem Haus verläuft eine stark befahrene Straße; nachts bringt das offene Fenster kaum Abkühlung. Einen Balkon gibt es nicht, Grünflächen kaum – und die wenigen sind weit entfernt.

Solche Situationen sind kein Ausnahmefall. Sie gehören für viele Familien zum Alltag und damit auch zum Berufsalltag in der Kita-Sozialarbeit. Und sie erzählen mehr, als auf den ersten Blick sichtbar wird.

Mehr als ein „Sommerproblem“

Was zunächst wie ein einzelnes, situatives Problem wirkt, verweist auf eine größere Entwicklung: Der Klimawandel trifft Menschen nicht gleichermaßen. Längere Hitzeperioden, aufgeheizte Städte, fehlende Rückzugsorte – all das belastet besonders diejenigen, die ohnehin mit begrenzten Ressourcen leben. Studien belegen, dass Menschen mit niedrigem Einkommen häufiger in schlecht isolierten Wohnungen leben, seltener Zugang zu Grünflächen haben und stärker von Hitzebelastung betroffen sind. Auch der Weltklimarat weist darauf hin, dass sozial benachteiligte Gruppen weltweit einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind.

Der Klimawandel ist damit nicht nur ein ökologisches Phänomen. Er wirkt als sozialer Verstärker, der bestehende Ungleichheiten vertieft und im Alltag spürbarer macht – in genau jenen Lebenslagen, mit denen Kita-Sozialarbeit täglich konfrontiert ist.

Ein Thema, das die Soziale Arbeit nicht ignorieren kann

Soziale Arbeit befasst sich mit Armut, ungleichen Chancen, eingeschränkter Teilhabe und gesundheitlichen Belastungen. Wenn sich genau diese Problemlagen unter den Bedingungen der Klimakrise verschärfen, stellt sich eine unbequeme, aber notwendige Frage: Kann es sich die Profession leisten, diesen Zusammenhang nicht systematisch zu berücksichtigen?

Die Klimakrise verändert Lebensbedingungen – nicht abstrakt, sondern konkret in Wohnungen, Wohnumfeldern und im Familienalltag. Sie beeinflusst Gesundheit, Bildungschancen und Teilhabemöglichkeiten auf eine Weise, die sich längst in den Gesprächen zeigt, die Fachkräfte täglich führen. Für eine Profession, die sich als menschenrechtsorientiert versteht, berührt das ihren Kernauftrag und kann daher kein Randthema bleiben.

Eine Debatte, die Fahrt aufnimmt

Dabei ist der Gedanke, Soziale Arbeit und Klimagerechtigkeit zusammenzudenken, nicht neu. Unter Begriffen wie Green Social Work oder ökosoziale Soziale Arbeit wird seit einigen Jahren diskutiert, wie die Profession auf die sozial-ökologischen Herausforderungen unserer Zeit reagieren kann. Was diese Debatte stark macht: Sie begreift den Klimawandel nicht als externes Phänomen, das irgendwann auf die Soziale Arbeit trifft, sondern als etwas, das die Lebensbedingungen der Menschen, mit denen sie arbeitet, bereits jetzt grundlegend beeinflusst. Für Kita-Sozialarbeit, die mitten in diesen Lebensrealitäten verortet ist, wäre es naheliegend, an diese Diskussion anzuknüpfen – und sie für das eigene Handlungsfeld fruchtbar zu machen.

Kita-Sozialarbeit: Nah dran – und doch mit Lücke?

Kita-Sozialarbeit ist ein junges und zugleich besonders nahes Handlungsfeld. Fachkräfte sind häufig die ersten, die erkennen, wenn eine Familie unter Druck gerät. Sie beraten niedrigschwellig, begleiten in belastenden Situationen, vermitteln Zugänge zu Unterstützungsangeboten und vernetzen im Sozialraum. Diese Nähe zum Alltag ist ihre besondere Stärke: Problemlagen werden früh sichtbar, bevor sie sich verfestigen.

Und genau in diesem Alltag taucht immer häufiger auf, was bislang selten so benannt wird: Eine Mutter, die erzählt, dass ihr Kind nachts kaum schläft, weil sich die Wohnung nicht abkühlt. Ein Vater, der fragt, wo die Kinder eigentlich spielen sollen, wenn der einzige Spielplatz im Sommer kaum zu nutzen ist. Diese Situationen machen deutlich, dass ökologische Bedingungen längst Teil sozialer Lebenslagen sind.

Besonders in dicht besiedelten, strukturell benachteiligten Quartieren überlagern sich soziale und ökologische Problemlagen. Überhitzte Wohnungen, fehlende Grünflächen, hohe Verkehrsbelastung, mangelnde Erholungsmöglichkeiten. Diese Zusammenhänge sind sichtbar. Sie werden in Gesprächen benannt. Sie zeigen sich im Alltag. Und dennoch spielen sie in der konzeptionellen Entwicklung des Handlungsfeldes bislang kaum eine Rolle.

Ein blinder Fleck im entstehenden Feld

Das wirft Fragen auf, die sich nicht übergehen lassen. Wie kann ein Handlungsfeld, das sich so klar an Chancengleichheit, Teilhabe und Armutsprävention orientiert, einen Faktor ausblenden, der genau diese Ungleichheiten weiter verschärft? Wie soll Präventionsarbeit greifen, wenn zentrale Belastungen wie Hitze, Wohnbedingungen oder fehlende Rückzugsräume nicht systematisch einbezogen werden? Und wie kann Sozialraumarbeit ihrem Anspruch gerecht werden, wenn ökologische Ungleichheiten im Sozialraum kaum berücksichtigt werden?

Dabei ist der Punkt nicht, dass Fachkräfte diese Aspekte übersähen – im Gegenteil: In der Praxis werden sie häufig sehr wohl wahrgenommen. Der blinde Fleck liegt eher auf der Ebene der fachlichen Rahmung, bei der Frage also, was eigentlich zum Gegenstand von Kita-Sozialarbeit gehört und was nicht.

Was möglich wäre

Dabei lässt sich durchaus vorstellen, wie eine Kita-Sozialarbeit aussehen könnte, die Klimagerechtigkeit als Querschnittsperspektive mitdenkt. Eine Sozialraumanalyse, die nicht nur Infrastruktur und Einrichtungen erfasst, sondern auch Hitzeinseln, fehlende Beschattung und mangelnden Trinkwasserzugang. Eine Beratung, die belastende Wohnbedingungen nicht als privates Problem rahmt, sondern als strukturelle Benachteiligung benennt und damit enttabuisiert. Ein Familienzentrum, das im Sommer gezielt kühle Räume öffnet, Wasser bereitstellt oder den Weg zum nächsten schattigen Spielplatz kennt. Weil es weiß, dass vielen Familien im Quartier genau das fehlt.

Keine Zusatzaufgabe – sondern Perspektivwechsel

Gerade weil Kita-Sozialarbeit noch im Aufbau ist, besteht hier eine besondere Chance. Klimagerechtigkeit müsste nicht als zusätzliche Aufgabe ergänzt werden. Es geht nicht um eine Ausweitung des Arbeitsfeldes, sondern um eine Veränderung der Perspektive: Wenn Beratung die Lebenslagen von Familien ernst nimmt, gehören klimabedingte Belastungen dazu. Wenn Prävention auf Gesundheit zielt, sind Hitze und Wohnbedingungen relevant. Wenn Sozialraumarbeit Teilhabe ermöglichen will, müssen auch ökologische Ungleichheiten in den Blick.

Die Frage ist daher weniger, ob Klimagerechtigkeit ein Thema für Kita-Sozialarbeit ist, sondern warum sie bislang so selten als solches benannt wird.

Ein Feld im Werden – eine Chance, die nicht wiederkehrt

Handlungsfelder der Sozialen Arbeit entwickeln sich selten linear. Meistens entstehen sie aus Bedarfen, die lange unsichtbar waren, gewinnen allmählich Kontur, werden konzeptionell gefasst – und dann, irgendwann, verfestigen sich ihre Grundannahmen. Was in dieser frühen Phase nicht mitgedacht wird, lässt sich später nur schwer nachträglich einschreiben. Kita-Sozialarbeit befindet sich genau jetzt in diesem Moment. Konzepte werden erprobt, Stellen ausgebaut, Strukturen verhandelt. Wer jetzt an Leitbildern, Handlungskonzepten und Qualitätsstandards mitschreibt, entscheidet mit darüber, was dieses Feld in zehn Jahren als selbstverständlich betrachtet. Das ist kein Vorwurf, sondern eine Einladung – und vielleicht eine der selten gewordenen Gelegenheiten, ein Handlungsfeld von Beginn an konsequent gerechtigkeitsorientiert zu denken.

Und jetzt?

Vielleicht geht es an dieser Stelle weniger um fertige Antworten als um eine fachliche Irritation. Die Klimakrise ist längst Teil sozialer Lebenslagen. Sie prägt, wie Menschen wohnen, sich erholen können, gesund bleiben oder am gesellschaftlichen Leben teilhaben.

Das Gespräch vom Anfang handelte nicht von der Klimakrise. Die Mutter hat einfach erzählt, dass es im Sommer bei ihnen nicht auszuhalten ist. Und genau darin liegt vielleicht der Kern: Klimabedingte Belastungen erscheinen nicht als abstrakte Statistik, sondern als gelebter Alltag – in Gesprächen, an Küchentischen, in überhitzten Wohnzimmern. Die eigentliche Frage ist nicht, ob Klimagerechtigkeit zur Kita-Sozialarbeit gehört. Sondern wie es sein kann, dass ein so zentraler Zusammenhang bislang kaum systematisch berücksichtigt wird – und was es braucht, damit sich das ändert.



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