‚Kastensystem‘ in der Kita: Nachdenken über das Frühstück in der Bentobox  

Lotte Rose & Christina Schlender-Blackert

Die Bentobox gehört mittlerweile zur kinderkulturellen Grundausstattung. Sie ist ein Behälter für den persönlichen Essensvorrat, wenn Kinder unterwegs sind. In Kita und Schule ist sie von daher sehr häufig zu sehen. Ihre Besonderheit ist, dass sie unterschiedlich große Fächer hat – in der Luxusvariante sogar mehrere Ebenen. In das größte Fach kommt in der Regel ein belegtes Brot, in die kleineren Fächer z.B. Obst- oder Gemüsestücke, Käsewürfel, ein Stück Wurst, Nüsse oder vielleicht auch ein paar Süßigkeiten, wenn die Mutter es gut meint und die Kita es gestattet.

Ihren Ursprung hat die Bentobox in Japan, wo sie dazu dient, ganze Mahlzeiten mit unterschiedlichen Speisekomponenten ästhetisch anzurichten, zu transportieren und auf den Tisch zu bringen. Sie ist mit Gesottenem und Gebratenem für den direkten Verzehr gefüllt. Japaner*innen würden vermutlich höchst irritiert sein beim Anblick der Bentobox-Befüllungen hierzulande.

Gleich ist aber das kulinarische Parzellierungssystem. Einzelne Lebensmittel werden sauber und ordentlich voneinander getrennt. Das verspricht zum einen, dass sich die unterschiedlichen Aromen der Lebensmittel nicht vermischen und damit ihre Eigenheit verlieren, zum anderen wird aber auch verhindert, dass sich Texturen der Speisen durch Berührung verändern, z.B. die trockenen Reiswaffeln durch die feuchten Gurkenscheiben matschig werden.

In warenkritischer Manier lässt sich die Bentobox natürlich leicht anprangern. Sie ist ein weiterer ‚Krempel‘ in einer Welt des Konsums, wie sie Gabriel Yoran kürzlich erfrischend in seinem Buch zur ‚Verkrempelung‘ der Welt geschildert hat. Dieses Utensil ist schließlich eigentlich nicht wirklich nötig, denn irgendwelche Behälter für Essen gibt’s doch genug. Ihre Produktion verbraucht sinnlos ökologische Ressourcen. Die Anschaffung kostet Geld, je wertiger das Produkt, desto mehr. Wenn die Box auslaufsicher, kinderästhetisch auf der Höhe der Zeit, mikrowellengeeignet und dazu noch nachhaltig produziert sein soll, sind die Kosten nicht ohne. So sorgt die Bentobox mit dafür, dass Kinder ‚immer teurer‘ werden. Und der klassistisch geschulte Blick ahnt sofort, wie Qualität und Preis der Boxen zum Anzeiger der sozialen Position ihrer Besitzer*innen und ihrer Familien werden.  

Bruno Latour machte klar, dass Dinge nicht einfach Dinge sind, sondern handfeste soziale Akteure. Sie sind nicht nur materielles Ergebnis sozialer Entwicklungen und Konflikte, sondern sie justieren auch menschliche Praxis. Sie legen spezifische Handlungen nahe, manchmal erzwingen sie sie auch, andere verunmöglichen sie. Sie erziehen, optimieren, sanktionieren, sortieren, inkludieren und exkludieren. Dinge sind also Träger und Hersteller sozialer Ordnungen. Dies gilt auch für die Bentobox.   

Zum ersten repräsentiert sie materiell Veränderungen der Normen der Kinderernährung. Das simple Butterbrot zum Frühstück reicht nicht mehr. Weil das Narrativ zur gesunden Ernährung Vielseitigkeit und Ausgewogenheit propagiert, müssen Kinder jetzt viele verschiedene Lebensmittel frühstücken, vor allem auch Rohkost, am besten in Form mehrerer Obst- und Gemüsesorten. Je bunter das Mahl, desto besser. Die Bentobox normalisiert und veralltäglicht diese Ansprüche. Ohne Worte, aber dennoch nachdrücklich fordern ihre verschiedenen Fächer auf, unterschiedlich gefüllt zu werden. Denn sonst bräuchte es ja die vielen Trennwände nicht. Das Kastensystem normalisiert also durch seine Materialität eine neue nutritive Ordnung: statt Einfalt jetzt Vielfalt der Lebensmittel, statt Begrenztheit jetzt Fülle, statt Essen, was da ist, jetzt Wahlmöglichkeiten für das konsumierende Kind.   

Zum zweiten repräsentiert die Bentobox auch neue Leistungsansprüche an elterliche Fürsorge. Denn wenn die Bento-Box ein Zeichen für vielfältiges, gesundes und appetitliches Essen ist, wird umgekehrt die fehlende Bento-Box zum Zeichen von familialer Unzulänglichkeit. Um das gute-Eltern-Sein heutzutage unter Beweis zu stellen, bedarf es der Anschaffung und normgerechten Befüllung der Bentobox fürs Kinderfrühstück. Es reicht nicht mehr, dem Kind ein Brot zu schmieren, sondern jetzt müssen dazu noch Gurken und Äpfel geschnitten, am besten in nette Formen geschnitzt, Weintrauben gewaschen und Nüsse, Käse- und Wurstwürfel einsortiert werden.

Drittens installiert und kultiviert die Bento-Box eine Ordnung nutritiver Separation. Indem räumliche Differenzierungen organisiert werden, werden gleichzeitig Nahrungsidentitäten geschaffen und markiert und umgekehrt. Das dingliche ‚Kastensystem‘ des Frühstücksbehälters schafft ein identitäres ‚Kastensystem‘ der Lebensmittel: Für die, die gleich sind, ein eigener Raum; für die, die anders sind, ein anderer.

Küchenhistorisch entspricht dieser Parzellierungsvorgang dem, was im Zuge der Herausbildung gehobenen Essens passiert ist. Während der menschliche Speiseplan sich längstens auf schlichte Eintöpfe völlig vermengter Nahrungssubstanzen beschränkte, war es das Zeichen der ‚Haute Cuisine‘, die sich im französischen Adel im 19. Jahrhundert herausbildete, nicht nur auf besonders exquisite Zutaten zurückzugreifen, sondern diese weitestgehend voneinander zu isolieren. Sie wurden küchenhandwerklich getrennt voneinander bearbeitet und am Ende auf dem Teller so drapiert, dass sich möglichst nichts berührte – bis dahin, einzelne Komponenten in einer Menüfolge auch zeitlich nacheinander zu reichen. Der Vermischungsgrad der Speisekomponenten wurde damit zur Messgröße der sozialen Küchenklasse, wie sie Pierre Bourdieu später in seiner Studie „Die feinen Unterschiede“ herausgearbeitet hat: Das vermengte Essen aus einem Topf als Mahl des Arbeitervolkes, der Teller mit atomisiert nebeneinander angerichteten Nahrungsmitteln als Essen der Privilegierten.  

Vor diesem Hintergrund drängt sich die Frage auf, ob sich mit der Bentobox das Prinzip gehobener Küche vielleicht wirkmächtig veralltäglicht hat, wenn auch in simplifizierter Form, denn anders als in der Haute Cuisine sind die Füllungen der Box-Fächer weder exklusiv und teuer, noch von besonderer Geschmacksqualität und Küchenkunst. Auch was die ästhetische Raffinesse betrifft, bleiben die Bentoboxen bislang noch relativ schlicht, wenn sich auch in social-media-Arenen gewisse künstlerische Anspruchserhöhungen an Eltern andeuten. So ist das Netz voll von Tutorials, die demonstrieren, wie man aus Reis und Seetang kleine Pandabären und andere Nettigkeiten in die Frühstücksbehälter der Kinder zaubern kann.    

Viertens ruft die kulinarische Trennordnung der Bentobox aber auch Parallelen zu gesellschaftlichen Trennordnungen wach. Schließlich erleben wir derzeit, wie Schreckensnarrative zu ‚menschlichen Vermischungen‘ durch Migrations- und Fluchtbewegungen um sich greifen und der Schutz vor ‚Überfremdung‘ durch ‚völkische‘ Abschottung und Zurückweisung der ‚Anderen‘ politisch en vogue geworden ist. Haben wir es also mit einer Homologie von Frühstückbox und Migrations- und Asylpolitik zu tun – mit einer Isomorphie von nutritiven und sozialen Ordnungs- und Identitätsstrukturen? Hängen das Unbehagen vor der Berührung von unterschiedlichen Lebensmitteln und die Praxis ihrer Parzellierung in getrennten Fächern symbolisch zusammen mit Ängsten vor ‚fremden‘ Menschen, der Projektion von Gefahren auf sie und den Maßnahmen ihrer Exklusion?

Zumindest drängen sich zahlreiche Kongruenzen zwischen dem profanen Alltagsbehältnis fürs Kinderfrühstück und den gesellschaftlichen Bewegungen zur Schärfung von räumlichen Grenzen zwischen verschiedenen Menschengruppen auf – sei es der zwischen Ländern, aber auch innerhalb von Ländern, wo die sozialen Entmischungen durch räumlich-institutionelle Segmentierungen von sozialen Gruppen zunehmen.  

Dass die Zeit vermengter Eintöpfe eine sozialer Offenheit und friedlicher Convivialität gewesen ist, das trifft bekanntlich leider überhaupt nicht zu. So einfach ist es nicht mit der Homologie verschiedener sozialer Felder. Aber vielleicht kann die Öffnung des nutritiven Kastensystems und die Kulinarik sich berührenden und miteinander agierender Lebensmittel zumindest eine schöne metaphorische Vision sein für eine solidarische Welt menschlicher Vielfalt, in der Menschen Menschen berühren und miteinander agieren statt in Angst voreinander gefesselt zu sein?



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