Ricarda Lang hat abgenommen – was geht’s Soziale Arbeit an?

Von Judith Pape und Lotte Rose — Ricarda Lang, ehemalige Parteivorsitzende der Grünen, hat als Dicke viele Jahre feindselige Häme im Netz erfahren, sich jedoch immer offensiv dagegen verwehrt, weil sie das Gefühl hatte, „das betrifft viele Frauen, aber niemand redet darüber. Dadurch denkt jede, ich bin selbst schuld, weil ich aussehe wie ich aussehe, deshalb kriege ich den ganzen Scheiß ab.“[1] Nun hat Ricarda Lang abgenommen – und hat immer noch keine Ruhe.

Das Zeit-Magazin 4/2025 hat sie zu ihrer Körperveränderung interviewt. Zu lesen ist die persönliche Erzählung einer Umkehr zum Guten im Leben. Als sie erkannt habe, dass sie ihre Gesundheit aufs Spiel setzt im stressigen Politikbetrieb mit viel Terminen und Hektik, wenig Schlaf, schnellem Essen, achtlosem Alkoholtrinken habe sie radikal die Reißleine gezogen. Das erste Mal in ihrem Leben kümmere sie sich seitdem um ihren Körper. Die ständigen Anrufungen abzunehmen und auch die Abwertungen, die sie von vielen Seiten erfahren hat und denen sie sich mit „Trotz“ widersetzt hat, waren nicht der Grund, lässt sie die Lesenden wissen. Ihre Devise war: „nee, von euch lasse ich mich nicht reindrängen.“

Jetzt aber sei alles anders. Lang schildert die Veränderungen ihres Alltags:  Mehr Zeit für sich selbst und selbst zubereitete, gesunde Mahlzeiten, mehr Schlaf, weniger und achtsamerer Alkoholkonsum – Die Gewichtsabnahme als Ergebnis eines neuen Lebensstils, der nicht zufällig geschieht, sondern der „geplant und hart erarbeitet“ werden musste.  Seitdem gehe es ihr besser: „Die Welt ist ein bißchen freundlicher geworden“, berichtet sie. Sie kann sich leichter bewegen, zur S-Bahn rennen, Treppen steigen. Aber die wichtigste Veränderung hat nichts mit dem Gewicht zu tun: „Ich plane meinen Tag selbst und teile mir meine Zeit besser ein.“

Warum ein Beitrag im DGSA-Blog zu dieser Erzählung einer Person des öffentlichen Lebens zu ihrer Körperveränderung? Schließlich hat Ricarda Lang nichts mit Sozialer Arbeit zu tun.

Dieses Interview verweist exemplarisch auf Dilemmata des Sprechens über und von Menschen mit hohem Körpergewicht, die bislang wenig im Blick der Sozialen Arbeit sind – und dies trotz der hoch entwickelten herrschaftskritischen Sensibilität gegenüber Rassismus, Sexismus, Ableismus, Ageismus, Adultismus, Klassismus, Rechtspopulismus, Antisemitismus, Antiziganismus und Homophobie in der Sozialen Arbeit. Dass es auch Fatismus gibt, ist weniger geläufig. Doch gibt es eben auch die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit gegenüber Menschen mit hohem Körpergewicht.

Das Interview mit Ricarda Lang spiegelt dies prototypisch wider. Es lässt sich lesen als ein Skript des anerkannten Sprechens in einem fatistisch gespurten Sprachraum, in dem es kein Außerhalb gibt, auch wenn man das gerne will. Ricarda Lang weiß um dieses Dilemma: „Oh Gott, verrate ich diese Frauen jetzt? Bin ich jetzt die Person, die Leuten das Gefühl gibt, sie hätten es nur dann geschafft, wenn sie abgenommen haben?“, äußert sie selbstkritisch. Aber auflösen kann sie das Dilemma nicht. Wie auch?

Ihre Erzählung über ihr besseres Leben mit weniger Gewicht aktiviert alle kulturell tief verankerten Stereotype zum Leben mit viel Gewicht: Dieses Leben ist – so heißt es bekanntlich dauernd – voller Leid, es macht unbeweglich und krank, es wird falsch gegessen, es wird kein Sport betrieben und es fehlt Achtsamkeit gegenüber sich selbst. Dass diese Erzählung von einer Protagonistin kommt, die sich doch mit Vehemenz gegen Body-Shaming in ihrer Partei und der Gesellschaft gewendet hat, irritiert, enttäuscht, es macht vielleicht auch ärgerlich. Aber wie lässt sich anders über eine intendierte Gewichtsabnahme sprechen als so? Wo sind alternative Gegen-Narrative, die nicht im fatistischen ‚Sprech‘ verfangen? Und darf eine Verfechterin des Diskriminierungsschutzes für Menschen mit hohem Körpergewicht ihren Körper nicht verändern, damit ihre – oder besser die ihr zugeschriebene – politische Agenda wahrhaftig bleibt?

Ist der einzige Ausweg aus dem Schlamassel Schweigen? Hätte sie das Interview besser nicht gemacht? Wohl kaum. Sie ist fortdauernd den Manövern der Selbstenteignung ausgesetzt, weil andere über ihren Körper sprechen und dies auch völlig legitim erscheint.  So begründet Ricarda Lang ihre Interviewbereitschaft damit, dass sie „Deutungshoheit“ über ihren Körper zurückgewinnen will. Sie will klarstellen, dass ihre Gewichtsabnahme nicht durch „Kummer und Stress“ nach ihrem Rücktritt verursacht ist, sondern Effekt ihrer Entscheidung ist, ihre durch den Politikbetrieb gefährdete Gesundheit zu schützen.

Aber das Tragische ist eben, dass sie dabei all das reproduziert, was das Dicken-Stigma nährt. Am Ende der Lektüre bleibt das Gefühl zurück, dass nicht der immense Workload im atemlosen Politikbetrieb oder die damit verbundenen Anforderungen an den (Arbeits-)Alltag problematisiert wurden, sondern Ricarda Langs früherer Umgang damit. Wegen eines übervollen Terminkalenders die Mahlzeit zwischen Tür und Angel einnehmen? Das mag zwar Ausdruck notwendiger Effizienz sein, aber was aus dem Mund eines schlanken Menschen nachvollziehbar erscheint, läuft Gefahr, aus dem Mund einer dicken Frau verdächtig nach mangelnder Disziplin und Gesundheitsverantwortung zu klingen.

Der Fokus auf den individuellen Umgang mit Arbeitsbelastung, Zeitknappheit, sozialem Druck und anderen Stressoren des Alltags kommt nicht von ungefähr. Die Frage, ob dicke Menschen mit den Anforderungen des Alltags richtig umgehen, durchzieht den Diskurs zu Körpergewicht. Mittlerweile wissen wir einiges zur obesogenen – der dickmachenden – Umwelt:  Sitzende Tätigkeiten, hochkalorische Nahrungsmittel, Digitalisierung, Stresserhöhung verändern Körper. Aber eben nur – und das ist der Knackpunkt beim Sprechen über Körpergewicht – wenn die Einzelnen dies zulassen und nicht gegensteuern. Wenn der bewegungsarme Job dick macht, warum dann nicht nach Feierabend ins Fitnessstudio? Wenn der stressige Arbeitsalltag keine Zeit zum Kochen lässt, warum dann nicht mit ‚Meal Prep‘ sonntags Mahlzeiten für die ganze Woche vorbereiten? Kritik an schwierigen Lebensverhältnissen ist angesichts neoliberaler Selbstoptimierungsanrufungen eben nur dann konsensfähig, wenn gleichzeitig der eigene souveräne Umgang damit bewiesen wird.

Das Zeit-Magazin bietet Ricarda Lang eine Bühne für diesen souveränen Umgang. Eine Anerkennung von Körpergewicht als struktureller Ungleichheitsdimension will vor diesem Hintergrund nicht gelingen. Zwar zeigen sich im Interview einzelne fatismuskritische Ansätze, wenn die Diskriminierung, die Lang erfahren hat, thematisiert wird, allerdings verläuft sich das Gespräch dann doch wieder in Respektsbekundungen für diejenigen, die sich angesichts all dieser Schwierigkeiten ‚richtig‘ verhalten – also entsprechend der Gesundheits- und Schlankheitsnorm. Langs Entscheidung ist völlig legitim. Dennoch: Kritik daran, dass Spitzenpolitik und Selfcare nicht vereinbar, aber zu erbringen sind, bleibt aus.

Erheblich daran beteiligt sind die beiden Interviewerinnen, die fortlaufend Langs Äußerungen mit politisierendem, auch feministischem Gehalt ‚kappen‘. Als sie z.B. erzählt, dass ihre Mutter ihr Solidarität mit anderen Frauen vorgelebt habe, folgt die Frage, ob „die Frauen mit diesem ganzen Diät-Ernährungstipps-Wahnsinn“ nicht schlimmer als Männer seien. Als Lang über ihre Großmutter spricht, die  als Pfarrfrau gut vernetzt gewesen sei und über Mahlzeiten Gemeinschaft geschaffen habe, kommt die Nachfrage, ob die Oma denn gut gekocht habe – eine suggestiv-fatistische Frage, wenn sie an eine  hochgewichtige  Person gerichtet wird.  Angesichts der Rahmung des Interviews als persönlicher Abnehm-Erfolgsgeschichte will – und soll? – die politische Dimension nicht verfangen. Dass das Private politisch ist, also auch das Sprechen über (Frauen-)Körper, die Vergemeinschaftung am Küchentisch, die Ernährung und nicht zuletzt das Fett, all das fällt unter den Tisch.

Dieses Zeit-Interview aktualisiert für Soziale Arbeit einmal mehr offene Fragen zur Positionierung von Disziplin und Profession zur Gewichtsstigmatisierung.  

Die erste Frage ist: Wie wird denn in der Sozialen Arbeit über dicke Menschen gesprochen, wie wird mit ihnen umgegangen? So wie mit Ricarda Lang? Gibt es auch hier das normalisierte abfällige Sprechen über Menschen mit hohem Körpergewicht? Gibt es auch hier die defizitorientierte Vorstellung, dass ein Leben mit viel Gewicht nicht gut, vor allem nicht gesund sein kann und dass es nur gut werden kann durch Gewichtsreduktion? Vielleicht nicht unbedingt offen artikuliert, aber doch als ‚hidden agenda‘? Wie tief sitzt die Idee, als Soziale Arbeit Adipositas-Prävention betreiben zu müssen und zu wollen?   

Wie begegnet Soziale Arbeit Müttern in der Familienhilfe, die dick sind? Was denkt sie über diese? Wird diesen Müttern zugetraut, eine gute Mutter für ihre Kinder zu sein? Was passiert mit dem dicken Kind in der Kita oder der Jugendhilfe, das beim Mittagessen Nachschlag will oder von Gleichaltrigen gemobbt wird? Ist Soziale Arbeit in der Lage, Diskriminierungsschutz zu bieten? Und schließlich: Wie verhalten sich schlanke Fachkräfte gegenüber den nicht-schlanken? Welche Rolle spielt das Gewichtsstigma in den kollegialen Beziehungen?

Die zweite Frage ist, wie können dicke Menschen in der Sozialen Arbeit über sich sprechen? Können sie überhaupt eine legitime Sprecher_innenposition einnehmen, wird sie ihnen zugestanden? Oder wird sie immer wieder entzogen wie es Ricarda Lang erlebt hat? Ist ein Sprechen erst möglich, wenn der eigene Körper schlank (geworden) ist? Wie reagiert Soziale Arbeit auf Klient_innen und Kolleg_innen, die abgenommen haben? Wie die Zeit-Redaktion im Fall der dünn gewordene Ricarda Lang? Wird die Abnahme pauschal als Indikator einer gelungenen Anpassung behandelt, ohne danach zu fragen, vor welchem Hintergrund sie stattgefunden hat und was sie für die betreffende Person bedeutet? Und wieviel Interesse und Anerkennung wird im Vergleich dicken Klient_innen und Kolleg_innen entgegengebracht?

Soziale Arbeit will Stigmatisierung abbauen und Autonomie von Adressat*innen fördern. Von daher muss sie sich fragen:  Welche Motivation steht dahinter, wenn Gesundheitsförderung und Adipositasprävention propagiert werden und wie lässt sich dies mit einer ungleichheitskritischen Haltung vereinen? Lange Rede, kurzer Sinn, die zentrale Frage ist: Wie fatistisch ist Soziale Arbeit oder – zuversichtlicher formuliert – wie fatismuskritisch ist sie? 


[1] Dieses und alle nachfolgenden Zitate sind aus dem Interview mit Ricarda Lang im Zeit-Magazin 4/2025

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