(Nicht nur) Hochschule heute – Auf Geist(er)suche

Eine persönliche Einlassung, Teil 2

Michael Domes

 „Wir sind Menschen, bevor wir Wissenschaftler sind, und bleiben es, auch nachdem wir eine Menge vergessen haben.“[i] 

„Kein Mitlaufen Kein Es-geht-halt-nicht-anders Das war schon immer so Einreihen ausführen Die Vorgaben von Anderen Viel-mehr Wildes Denken Durchs bunte Dickicht des Lebens Ohne Flurbereinigung“[ii]

Oft braucht es ja einen Anlass, etwas zu tun (wobei einfach so auch durchaus schön wäre und wertvoll sein kann). Mein offensichtlicher Auslöser, diesen Blogbeitrag zu schreiben und damit an meinen ersten Beitrag[iii] aus dem letzten Jahr anzuschließen, waren zwei Essays: Alle sind so müde von Mareen Linnartz[iv] und Künstliche Intelligenz versus Menschen. Streng dich doch mal an von Lin Hierse[v]. Linnartz beginnt ihren Text mit den Worten: „Niemand will müde sein und ist es doch, jeden Tag. Morgens nach dem Aufwachen, abends, wenn der Tag sich dem Ende neigt, in den Stunden dazwischen“. Ja, genau, dachte ich mir. Erwischt. Wieder mal – die Müdigkeitsgesellschaft. Ist ja nicht so, dass ich nicht bereits schier unzählige Beiträge in Zeitschriften und Fachbeiträgen darüber gelesen habe. Nur was habe ich daraus gemacht? Und dann der Text von Hierse. Er beginnt mit den Worten: „Ich kann nicht mehr richtig denken. Zwar führe ich noch Gespräche und lese Texte, hier und da, und ich bin mir relativ sicher, dass bisher niemand außer mir diese Veränderung bemerkt hat. Aber jedes Mal, wenn ich versuche, einen Gedanken zu fassen und herauszufinden, was genau mich daran umtreibt, fällt alles durch mich hindurch. Begriffe, die ich mal klar und treffend fand, sind jetzt leer, oder sie bedeuten etwas vollkommen anderes. Nie bleibt ein Gedanke für sich stehen, immer sprießt noch eine Abzweigung aus ihm heraus, und noch eine, und noch eine, bis das Dickicht überhaupt keinen Sinn mehr ergibt“. Ja, genau, dachte ich mir auch hier. Nicht, weil dazu schon so vieles geschrieben wäre. Sondern, weil der Beitrag einen Kontrapunkt zum KI-Hype im Kontext der Wissenschaft (oder besser gesagt: im Kontext der Wissenschaftspolitik der Ministerien) wie auch zum häufig anzutreffenden Schwarz-Weiß-Denken (Bist du pro oder contra KI?) setzt.

Beide Themenfelder haben für mich durchaus etwas miteinander zu tun, berühren, überschneiden, überlappen sich. Beide Themenfelder haben für mich etwas mit meinem Alltag zu tun, privat wie beruflich. Sie sprechen etwas an, was mich umtreibt, was ich oft gar nicht genau fassen kann – ein Hintergrundrauschen, eine Atmosphäre –, etwas, das in mir ein Gefühl der Unruhe, des Unbehagens auslöst. Und damit bin ich beim weniger Offensichtlichen, bei dem, was mich aber schon länger, immer wieder beschäftigt: Warum bin ich eigentlich Hochschullehrer und Wissenschaftler? Was bedeutet Hochschulbildung (für mich)?

Diese Fragen haben mich ins Weiterfragen gebracht, mal mit mehr Bezug zum Arbeitskontext, mal zum Leben allgemein. Und diese Fragen möchte ich hier zum Beginn des neuen Jahres teilen – vielleicht ganz passend, als Unterbrechung, produktive Irritation nach der staaden Zeit[vi] und als Kontrapunkt zu den üblichen Vorsätzen, die oft nur Worte bleiben.

Ist es (eigentlich) nicht komisch oder irritierend, dass:

  • Egal zu welcher Zeit immer neue Mails im Postfach sind
  • Man sich entschuldigt, wenn man eine Minute zu spät zum Online-Meeting kommt
  • Man am Sonntag endlich Zeit und Ruhe für die Arbeit hat, für die unter der Woche gerade keine Zeit war
  • Man nie fertig wird und zugleich auf andere Weise fertig ist
  • Nahezu alles ein to-do ist oder dazu (gemacht) wird
  • Man bereits um 08:00 morgens Meetings hat oder vereinbart
  • Tagesordnungspunkte abgearbeitet werden
  • Das Stellen und Abrechnen von Gastvorträgen länger als diese selbst dauern
  • Man selbst für ein Treffen mit eine*r Kolleg*in oft ein Doodle (Ist das schon ein Deonym?) braucht
  • Man schon Anfang/Mitte des Jahres einen Kalender für das nächste Jahr benötigt (der mittlerweile eh schon digital verfügbar ist)
  • Man telefonisch meistens niemanden mehr direkt erreicht
  • Man connected ist, aber nicht in Kontakt oder gar als Mensch(en) verbunden
  • Das meiste, was man wissenschaftlich schreibt, vermutlich nur von sehr, sehr wenigen Menschen gelesen wird
  • Bei Tagungen kaum ausreichend Zeit für Pausen und Gespräche ist
  • Bei Tagungen die Pausen- oder Abendgespräche anregender als die Vorträge sind
  • Es ein neues Themenheft nach dem anderen gibt, ohne ein Thema mal tiefer oder gar transformativ zu bearbeiten
  • Man abonnierte Newsletter selten wirklich liest
  • Man im Zug immer arbeitet
  • Man im Zug problemlos von anderen Arbeitsgespräche mithören und Mails mitlesen kann
  • Man ChatGPT mehr Fragen stellt als Kolleg*innen, Partner*innen und Freund*innen
  • In der Straßenbahn nahezu alle in der gleichen Position auf einen Bildschirm schauen
  • Man häufig nur noch trinkt und isst to go
  • Man so selten „nichts“ macht – außer Schlafen vielleicht
  • Man auch fürs Blumengießen eine digitale Erinnerung eingerichtet hat
  • Kaum noch Zeit ist, ein Buch wirklich zu lesen, ohne Verwertungszwang oder -druck
  • Man drei (wahlweise gerne mehr) Dinge gleichzeitig macht
  • Hochschulen oft erstaunlich (menschen-)leere Orte sind, auch außerhalb der vorlesungsfreien Zeit
  • Man meistens schnell durch die Gänge, Treppenhäuser und Straßen läuft
  • Studis für den Einsatz von KI kritisiert werden und man selbst gerade am nächsten Forschungsantrag oder einem Grußwort arbeitet – mit der Hilfe von KI
  • Vieles Wichtige in eine AG ausgelagert wird
  • Ambiguitätstoleranz, Aushalten von Unsicherheit, Umgang mit Ambivalenzen, Widerständigkeit als zentrale Merkmale professioneller Sozialer Arbeit von uns –auch vor Studierenden – hochgehalten werden und zugleich die Praxis im Wissenschaftsbetrieb erstaunlich angepasst, stromlinienförmig, widerspruchsfrei und maßnahmenorientiert vonstattengeht
  • Nur noch von Innovation Hubs, Collaboration Labs, Micro Credentials, Tools und Digital Workplaces die Rede ist
  • Nur noch Endergebnisse in (digitalen) Hochglanzbroschüren interessieren und nicht der Weg und der Prozess dorthin
  • Man häufig nur kurzfristig reagiert, nicht langfristig agiert
  • Sich in Pressemitteilungen von Wissenschaftsministerien und Hochschulen bestimmte (Plastik-)Wörter auffällig häufen: Exzellenz, Innovation, Meilenstein, Leuchtturm, Offensive, (internationale) Spitzenposition, (herausragende) Qualität…
  • Fast alles, was nicht mess- und quantifizierbar ist, scheinbar keinen Wert mehr hat
  • So viel von Dialog die Rede ist und doch so wenig zugehört wird
  • Man es oft besser weiß und doch nichts sagt, es doch nicht tut
  • Wir so viel schaffen (müssen) und doch so wenig schöpfen
  • Man im Dezember noch so vieles beenden muss und soll und doch das meiste im Januar nahtlos weitergeht
  • So viel von Communities die Rede ist und so wenig vom Menschsein

Wann habt Ihr zuletzt gedacht oder gesagt:

  • Nach diesem Projekt wird es ruhiger/besser und irgendwie war sofort das nächste da, nahtlos!
  • Gerade ist ziemlich viel/dicht, aber das Wochenende, Weihnachten, der Feiertag kommt ja bald.
  • Sorry, gerade keine Zeit, bin grad im Meeting (Zoom, Teams) oder: Meeting geht gleich los.
  • Eigentlich müssten wir mal wieder…
  • Ich bin gerade ziemlich/total müde und meintet eigentlich: Mir ist es zu viel. Ich kann (will?) gerade nicht mehr!

(Fast) enden möchte ich mit einem Zitat aus Hierses Essay. Warum immer alles neu schreiben, wenn andere es so formuliert haben:

„Und ich bin froh um mein wiederbelebtes Gehirn. Das rät mir, zum Schluss noch ein Buch aufzuschlagen und mich an eines meiner liebsten Zitate zu erinnern. Sie können ja darüber nachdenken, ob es Ihnen taugt.

Die Leute haben (mit Hilfe von Konventionen) alles nach dem Leichten hin gelöst und nach des Leichten leichtester Seite; es ist aber klar, daß wir uns an das Schwere halten müssen; alles Lebendige hält sich daran, alles in der Natur wächst und wehrt sich nach seiner Art und ist ein Eigenes aus sich heraus, versucht es um jeden Preis zu sein und gegen allen Widerstand. Wir wissen wenig, aber daß wir uns zu Schwerem halten müssen, ist eine Sicherheit, die uns nicht verlassen wird; (…)

Rainer Maria Rilke, Briefe an einen jungen Dichter“

Statt einer Literaturliste, die (scheinbar) belegt, dass meine Gedanken auch wissenschaftlich fundiert sind, hier ein paar Bücher, die mich auf unterschiedliche Art und Weise berührt, ins Nachdenken gebracht und damit auch die obigen Zeilen,  mehr oder weniger direkt, inspiriert haben:

Di Cesare, Donatella (2021): Philosophie der Migration, Berlin: Matthes & Seitz

Elias, Norbert (1991): Mozart, Frankfurt am Main: Suhrkamp

Everett, Percival (2024): James, München: Hanser

Foucault, Michel (2023): Die Hoffräulein, Berlin: Suhrkamp

Marti, Kurt (1972): Leichenreden, Darmstadt und Neuwied: Luchterhand

Schoeters, Gaea (2024): Trophäe, Wien: Zsolnay

Stepanova, Maria (2022): Mädchen ohne Kleider, Berlin: Suhrkamp

Tepest, Evan (2025): Sind Penisse real? München: Piper

Tokarczuk, Olga (2023): Empusion. Eine natur(un)heilkundliche Schauergeschichte, Zürich: Kampa



[i] Lévinas, Emmanuel (1991): Außer sich. Meditationen über Religion und Philosophie, München/Wien: Carl Hanser.

[ii] Domes, Michael (2024): Herz-Rhythmus-Störung(en) oder schon heart attack? Eine Art Antwort auf Hard Core – Heart Core. Die Sache mit den Seitensprüngen (Michael Winkler in Band 1 der SeitenSprünge). In: Birgmeier, Bernd/Mührel, Eric/Winkler, Michael (Hrsg.): Weitere Sozialpädagogische SeitenSprünge. Rückblicke und Perspektiven, Beltz Juventa, S. 66

[iii] Hochschule gestern, heute und morgen: Der Geist weht, wo er will?! – DGSA Blog

[iv] Erschöpfte Gesellschaft: Warum alle so müde sind – und was dahintersteckt – Gesellschaft – SZ.de

[v] Künstliche Intelligenz versus Menschen: Streng dich doch mal an | taz.de

[vi] Bayerisch oder Österreichisch: Die Advents- oder Vorweihnachtszeit, die stille Zeit, die Zeit der Einkehr und Besinnung


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