Genderstern und Veggie-Schnitzel: was hat das eine mit dem anderen zu tun?

Lotte Rose

Seit einiger Zeit tobt ein Kulturkampf zur gendergerechten Sprache. Die Versuche, Geschlechterrealitäten jenseits der binären Matrix von Frau-Mann sprachlich zum Ausdruck zu bringen, sorgen für Empörung. Da ist von ‚Genderismus‘ und ‚Missachtung deutscher Sprachregeln‘ die Rede. Man sorgt sich um Kinder und Menschen mit anderen Muttersprachen, denen so das Erlernen des Deutschen erschwert wird. Oder es wird darauf verwiesen, dass doch im sprachlichen Maskulinum immer schon Frauen selbstverständlich mitgemeint waren. Und was natürlich ganz schwer wiegt: Die Bevölkerung will das alles doch gar nicht. Schließlich belegen Befragungen, dass die große Mehrheit der Bevölkerung Genderstern und andere Bezeichnungsvarianten ablehnt. Dies alles gipfelte schließlich in landespolitischen Beschlüssen, Behörden und staatlichen Einrichtungen wie Schulen die Nutzung des Gendersterns und anderer gendergerechter Bezeichnungspraktiken zu untersagen.

Aktuell ist ein weiterer Sprachkrieg entbrannt, nämlich der um die Benennung von veganen Lebensmitteln. Denn viele von ihnen tragen einen fleischigen Namen, obwohl sie nicht fleischig sind: das Veggie-Schnitzel, die Soja-Grillwurst, die Like-Frikadelle und die Hafermilch. Gefordert wird: Wo kein Fleisch drin ist, soll auch kein Fleisch draufstehen. Die Bezeichnung muss eindeutig sein und der Substanz des Produkts genau entsprechen. Tatsächlich hat das EU-Parlament genau dies kürzlich beschlossen, nachdem 2020 ein entsprechender Vorstoß noch erfolglos geblieben war.

Ergreift die ‚genderistische‘ Kampagne zur sprachlichen Präzisierung von Geschlechteridentitäten nun etwa auch die von Lebensmittelidentitäten? Weit gefehlt! Initiiert wurde das ganze nämlich von der Europäischen Volkspartei (EVP), der auch CDU und CSU angehören – also von genau jener gesellschaftlichen Fraktion, die bei der gendergerechten Sprache doch darauf gepocht hat, dass Sprache so bleiben soll wie sie ist und ‚künstliche‘ Eingriffe eine Zumutung sind.   

Begründet wird die Durchsetzung ‚fleischgerechter‘ Sprache vor allem damit, Verbraucher*innen vor Verwirrung zu schützen. Es kann – so die Argumentation der Befürworter*innen – nämlich passieren, dass Menschen eine Wurst in ihren Einkaufswagen legen in der verlockenden Vorstellung, ein Tierprodukt zu Hause auf den Grill legen zu können, und sie verspeisen am Ende nur als Wurst getarntes Erbsenprotein, ohne dass sie das vorher bemerkt haben – vielleicht merken sie es noch nicht mal beim Essen. Das geht natürlich gar nicht. Deshalb müssen die Lebensmittel Namen tragen, die solche Verwechslungen und Täuschungen ausschließen, ganz im Sinne eines verantwortlichen Verbraucher*innenschutzes.

Ehrenwert soll es aber noch aus einem anderen Grund sein. Wenn das Fleisch, das die Landwirt*innen produzieren, sich verliert im undifferenzierten Sprachbrei von Wurstimitaten, wird die Arbeit der Fleischproduktion mit Füßen getreten. Die seit Urzeiten gebräuchlichen Bezeichnungen für Fleischprodukte exklusiv zu reservieren für Lebensmittel aus Tierkörpern ist also ein Beitrag zur Aufwertung des bäuerlichen Berufsstandes, so heißt es!

Erstens: Wir sehen mal wieder, dass Sprache ein Feld der Verhandlung von Interessen und der damit einhergehenden Veränderungen ist. Beim Genderstern ist es das Interesse der Normalisierung von Geschlechtervielfalt. Beim Verbot von Veggie-Schnitzel und Co. geht es um die Interessen der Fleischfraktionen, die ihr Produkte vor dem Ansturm der Fleischverweigerer*innen schützen wollen. Dahinter steht eine Allianz aus konservativen, Grünen-feindlichen, maskulin(istisch)en und deutschtümelnden protektionistischen Kräften. Bei aller Verschiedenheit, gemeinsam ist den Konflikten um Genderstern und Veggie-Schnitzel die Exponierung von Wortsymboliken als politische Arena der Bearbeitung von Interessensdifferenzen. 

Zweitens: Offenbar ist die Fleischfraktion mächtiger als die feministische Fraktion, denn erstere schafft es, eine Sprachregelung von höchster Ebene top-down zu verordnen, was den Befürworter*innen des Gendersterns nie gelungen ist. Auch wenn die Kritiker*innen gendergerechter Sprache gerne von doktrinären feministischen Sprechanweisungen und Sanktionierungen schwadronieren, gab es doch nie eine staatliche Verordnung zur Nutzung queersensibler Bezeichnungen.

Drittens: Die EU-Sprachanweisung entspricht keineswegs der allgemeinen Bevölkerungsstimmung wie dies ja auch bei der gendergerechten Sprache der Fall ist. So wurde in der entsprechenden politischen Debatte gerne auf das geringe Risiko verwiesen, dass ungeahnt pflanzlicher ‚Fleischersatz‘ auf dem Teller des Fleischliebhabers landet. Schließlich haben Verbraucher*innen auch gelernt, dass Scheuermilch nichts für den Kaffee ist. Und jüngste Befragungen zeigen, dass mehr als 80 Prozent der Bevölkerung den EU-Beschluss für Unsinn halten. Offenbar mag die Bevölkerung generell keine sprachlichen Veränderungen, egal um welche es sich handelt.

Sprachliche Veränderungen folgen veränderten Verhältnissen. In Fall der Verordnung zur Neu-Bezeichnung fleischloser Produkte ist das der wachsende Verzicht auf Fleisch. Die veganen ‚Fleischprodukte‘ werden nicht aus Versehen wegen sprachlicher Verwirrungsstrategien des veganen Marktes, sondern wissentlich und bewusst gekauft. Und sie werden nicht nur weiter gekauft, sondern auch immer mehr. Daran wird der EU-Beschluss nichts ändern. Was die EU-Maßnahme wohlmöglich unbeabsichtigt geschafft hat, ist die Stärkung der Fraktion der veganen Sympathisant*innen. Denn die Bezeichnungsverordnung mobilisiert auch jene zur Parteinahme für fleischfreie Ernährung, die bislang hierzu zwar offen, aber relativ uninteressiert waren. Die ‚künstlichen‘ Eingriffe in gewohnte Worte ruft auf, sich zu positionieren.

So wie nach der staatlichen Untersagung geschlechtergerechter Sprache plötzlich in den Mails die Anreden vermehrt ohne „sehr geehrter Frau, bzw. geehrter Herr“ auskamen und in den Signaturen der Hinweis auf das eigene geschlechtliche Pronomen und die Einladung an die Mail-Empfänger*innen, das eigene Pronomen mitzuteilen, rasant zugenommen haben.



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