Die Asylrechtsdebatte verschärft sich, demokratische Werte geraten unter Druck – eine Zerreißprobe für die Soziale Arbeit?

Ein persönlicher Blick auf den Fachtag „Soziale Exklusion, Schutzbedürftigkeit und Asylrechtsverschärfungen“ und die Frage, die uns in der Sozialen Arbeit umtreibt: Wo gehen wir eigentlich hin?

Am 25. September 2025 war es nach langen gemeinsamen Vorbereitungen so weit: Die Fachgruppe Migraas (DGSA) hat in Kooperation mit dem Berliner Netzwerk für besonders schutzbedürftige geflüchtete Menschen (BNS) zum Fachtag geladen. Der Titel „Soziale Exklusion, Schutzbedürftigkeit und Asylrechtsverschärfungen – Quo vadis Soziale Arbeit?“ traf einen Nerv, das war sofort spürbar. Der Saal war gefüllt mit Menschen aus der Praxis, der Wissenschaft, dem Aktivismus und der Politik – eine Mischung, die an diesem Tag für intensive und dringend notwendige Diskussionen sorgte. Als Teil der Fachgruppe und des Organisationsteams war ich selbst vor Ort und bin mit einem Kopf voller Eindrücke, Sorgen, aber auch neuer Energie nach Hause gegangen.

Ein kalter politischer Wind weht: Zwischen Abschottung, Asylrechtsreform und Menschenrechten

Schon die Eröffnung mit den Grußworten vom Berliner Staatssekretär Integration, Antidiskriminierung und Vielfalt, Max Landero, dem BNS (Nicolay Büttner) und durch unsere Migraas-Fachgruppe (Katrin Hermsen und Alexandra Kattein) machte deutlich, in welchem politischen Spannungsfeld wir uns bewegen. Auch die Keynotes, die folgten, regten zum Nachdenken an und führten eine bittere Realität vor Augen: Die Aktivistin Fatuma Musa Afrah (United Action Women and Girls e.V.) fand eindringliche Worte für die Zustände in den Sammelunterkünften, die sie als „offene Gefängnisse“ bezeichnete. Ihre Schilderungen von Ausgrenzungs- und Rassismuserfahrungen, aber auch vom beeindruckenden Widerstand der Schutzsuchenden, gingen unter die Haut und bildeten die Grundlage der nachfolgenden Debatten in den Workshops.

Direkt im Anschluss analysierte die Berliner Fachanwältin für Migrationsrecht Berenice Böhlo die jüngsten Verschärfungen im Gemeinsamen Europäischen Asylsystem (GEAS). Was sie beschrieb, war mehr als nur eine juristische Einordnung: eine besorgniserregende politische Verschiebung hin zu Abschottung und Restriktion. (Weitere) drohende Inhaftierungen an den Grenzen Europas, Leistungsausschlüsse – die Liste der Auswirkungen auf Schutzsuchende ist lang und erschreckend.

Und dann kam die Frage, die über dem ganzen Tag schwebte, von Prof. in Dr. in Susanne Spindler (Fachgruppe Migraas) auf den Punkt gebracht: „Quo vadis Soziale Arbeit?“. Angesichts einer Politik, die sich immer weiter von menschenrechtlichen Standards entfernt, welche Optionen haben wir? Rückzug? Oder gerade jetzt verstärktes Engagement? Ihre Worte waren ein wichtiger Appell, den kritischen Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis nicht abreißen zu lassen.

Von der Praxis lernen, Widerstand leisten: Einblicke aus den Workshops

Nach diesem intensiven Input ging es in die Workshops, und hier zeigte sich die ganze Stärke des Fachtags. Es wurde nicht nur geredet, es wurde gearbeitet, reflektiert und vernetzt. Katrin Hermsen und ich plädierten in unserem gemeinsamen Workshop dafür zu Forschenden unserer eigenen Praxis zu werden. Die Analysen zur Bedeutung von Professionalität Sozialer Arbeit in Sammelunterkünften sowie von Dokumenten in Flucht-Migrationsregimen waren ein starkes Plädoyer, Soziale Arbeit und die Strukturen, in denen sie stattfindet, auch auf einer wissenschaftlichen Ebene kritisch zu hinterfragen.

Die Themen der anderen Workshops waren nicht weniger brisant. Es ging um strukturellen Rassismus im Asylsystem, die mangelnde psychotherapeutische Versorgung für geflüchtete Menschen und die Ambivalenz des Begriffs der „besonderen Schutzbedürftigkeit“. Konkret wurde es bei der Diskussion um das geplante Ankunftszentrum in Berlin-Tegel, wo die Umsetzung von GEAS bereits jetzt ihre Schatten vorauswirft. Die Diskussion über Instrumente wie Bezahlkarten und biometrische Überwachung als „Architektur der Ausgrenzung“ zeigte auf, wie allgegenwärtig und offensichtlich die Exklusion von geflüchteten Menschen geworden ist. Aber es ging auch um das, was uns stärkt: juristische Kämpfe, die Verbesserung der Situation von Kindern und Jugendlichen in Sammelunterkünften, widerständige Soziale Arbeit und vor allem die Frage, wie wir angesichts des gesellschaftlichen Rechtsrucks kollektiv resilient bleiben können. 

Wie weiter im „Sicheren Hafen Berlin“?

Die abschließende Podiumsdiskussion, moderiert von Andrea Haefner (BNS), brachte die zentralen Fragen des Tages auf die Bühne. Adam Bahar (Flüchtlingsrat Berlin), Júlia Wéber (DGSA), Nicolay Büttner (BNS) und Sunna Keleş (Mitarbeiterin der Berliner Integrationsbeauftragten) diskutierten, wie Berlin seinem Anspruch als „Sicherer Hafen“ gerecht werden kann. Das Fazit war klar: Es braucht beides. Einerseits konkrete politische Maßnahmen, die die rechtliche und soziale Situation von geflüchteten Menschen verbessern. Andererseits müssen wir als Soziale Arbeit unsere eigene Rolle selbstkritisch reflektieren und uns lauter als bisher in die politischen Debatten einmischen.

Mein persönliches Fazit: Nicht resignieren, sondern handeln!

Ich verließ den Fachtag mit dem Gefühl, dass die Soziale Arbeit im Feld der Flucht-Migration zahlreiche grundsätzliche Fragen klären muss. Der politische und rechtliche Rahmen wird enger und steht oft im Widerspruch zu unserem professionellen und menschenrechtlichen Auftrag. Doch was ich ebenfalls mitnehme, ist ein starkes Gefühl der Solidarität und des gemeinsamen Willens, nicht aufzugeben. Der Tag war ein Appell gegen die Resignation. Er hat gezeigt, wie wichtig der Brückenschlag zwischen Praxis und Wissenschaft ist und dass wir widerständige Strategien entwickeln können und müssen, um handlungsfähig zu bleiben.

Die Frage „Quo vadis Soziale Arbeit?“ hat an diesem Tag keine abschließende Antwort gefunden. Aber er hat uns viele Impulse für eine solidarische, kritische und politische Antwort gegeben. Es liegt an uns allen, diesen Ball aufzunehmen.



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