Der Vorstand der DGSA
Wie polarisierte gesellschaftliche Konfliktfelder die Soziale Arbeit herausfordern
Ob Bürgergelddebatte, eine allgemeine Kriminalisierung von Protesten für Klimaschutz, Demokratie, das Recht auf Asyl, gegen Rechtsextremismus u. v. m., Angriffe auf das Selbstbestimmungsgesetz oder die Verleumdung akademischer Fächer: Autoritäre Entwicklungen betreffen die Soziale Arbeit in ihren Handlungsfeldern als Profession genauso wie als Disziplin. Die Arenen, an denen sich gesellschaftliche Polarisierungen verdichten – u. a. Armut und Reichtum, Migration, Diversität und Gender sowie Klimaschutz – sind zentral für die Soziale Arbeit.
Populistische Forderungen nach einem Rückbau von Integrations- oder sozialen Bildungsmaßnahmen stellen fachlich fundierte Hilfeangebote grundsätzlich in Frage. Gleichzeitig muss die Profession kritisch prüfen, inwiefern sie selbst zur Reproduktion jener Strukturen beiträgt, denen sie sich entgegenstellen will – durch selektive Zugänge, die Konstruktion von Adressat:innen als Gruppen entlang von spezifischen Differenzkategorien, die unreflektierte Übernahme autoritärer Denkfiguren oder die Fortführung problematischer Routinen.
Für die Soziale Arbeit als Disziplin haben diese Entwicklungen eine besondere Brisanz. Als normative Handlungswissenschaft, die sich mit universellen Menschenrechten, gleichberechtigter gesellschaftlicher Teilhabe und sozialer Gerechtigkeit beschäftigt, steht sie mitten im Zentrum sozialer Kämpfe um Verteilung, Anerkennung, Antidiskriminierung und Inklusion.
Die Wissenschaft Soziale Arbeit kann sich vor dem Hintergrund ihrer normativen Ausrichtung nicht auf eine vermeintlich „neutrale“ Position zurückziehen. In Forschung und Lehre entwickelt sie fachliche Haltungen und bezieht ethisch begründet Stellung gegen Ausgrenzung und exkludierende (Herrschafts-)Verhältnisse. Das macht sie – gemeinsam mit ihren Adressat:innen – zur Zielscheibe autoritärer Angriffe. Kritische Ansätze werden als „ideologisch“ oder „unwissenschaftlich“ diskreditiert.
Die Jahrestagung: „Autoritäre Verschiebungen des Sozialen. Demokratiefeindliche Entwicklungen und Eingriffe in Kontexten Sozialer Arbeit“
Die Jahrestagung 2026 widmet sich am 24. und 25. April 2026 an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach dem Thema „Autoritäre Verschiebungen des Sozialen“. Hier stehen folgende Fragen im Mittelpunkt:
Welche demokratiefeindlichen Entwicklungen zeigen sich konkret in der Profession und Disziplin der Sozialen Arbeit? Welche autoritären Verschiebungen lassen sich empirisch in den einzelnen Handlungsfeldern nachzeichnen? Wo ist die Soziale Arbeit selbst Teil von demokratiefeindlichen Entwicklungen und unterstützt diese möglicherweise durch Theorien oder praktische Ausgestaltung?
Bis zum 31. Oktober 2025 können Panels, Einzelbeiträge und Posterpräsentationen eingereicht werden [Call for Papers]. Begrüßt werden inhaltlich abgestimmte Panels, die verschiedene Perspektiven auf das Thema zusammenbringen.
Für uns als Vorstand der DGSA steht fest: Eine abwartende oder rein beobachtende Haltung der politischen Ereignisse reicht nicht aus. Autoritäre Entwicklungen berühren die grundlegenden Prinzipien der Disziplin und gefährden die Qualität professioneller Praxis. Unter dem zunehmenden Druck auf kritisches Denken und gesellschaftskritische Forschung sind insbesondere diejenigen betroffen, die bereits ohnehin marginalisiert sind. Die Soziale Arbeit ist in besonderer Verantwortung, analytische Klarheit, empirische Fundierung und praxisorientierte Strategien zu entwickeln und anzuwenden. Die Jahrestagung bieten hierfür ein wissenschaftliche Plattform, die durch die aktive Beteiligung der Fachgemeinschaft gestaltet werden.
Die Herausforderungen sind komplex, sie lassen sich jedoch durch eine differenzierte, kollaborative Auseinandersetzung und solidarisches Handeln aufgreifen. Immerhin belegen die aktuellen Auseinandersetzungen die gesellschaftliche Bedeutung und Relevanz der Sozialen Arbeit. Sie wird wahrgenommen als wesentliche Akteur:in im Feld demokratischer und sozialer Prinzipien. Diese Rolle erfordert kontinuierliche Reflexion und Engagement – wissenschaftlich und professionell fundiert.
Die Autor*innen sind der Vorstand der DGSA:
Prof. Dr. Julia Franz – Alice Salomon Hochschule Berlin
Prof. Dr. Kathrin Aghamiri – FH Münster
Prof. Dr. Anne van Rießen – Hochschule Düsseldorf
Prof. Dr. Miriam Burzlaff – Hochschule Neubrandenburg
Prof. Dr. Stefan Borrmann – Hochschule Landshut
Prof. Dr. Christian Spatscheck – Hochschule Bremen
Prof. Dr. Claudia Steckelberg – Hochschule Neubrandenburg
Hinterlasse einen Kommentar