Bedeutung der sozialen Komposition der Nachbarschaft für die Soziale Arbeit.

Von Dr. Hinrich Wildfang — Eine Betrachtung von Segregation und ein Ruf auf einen stärkeren Fokus auf die Strukturebene und die Analyse von möglichen Mechanismen.

Die Soziale Arbeit ist eine Disziplin, die sich mit der Unterstützung und Verbesserung des Wohlergehens von Menschen und Gemeinschaften befasst und aktiv den Zusammenhalt der Gesellschaft befördern soll (IFSW 2014). Eine Schlüsselkomponente bei der Gestaltung effektiver Interventionsstrategien ist die Berücksichtigung von strukturellen Gegebenheiten, wie dies in vielerlei Form in Theorien und Konzepten der Sozialen Arbeit gefordert bzw. dargestellt wird (bspw. Grunwald et al. 2018; Böhnisch 2016). Das Individuum und die Gesellschaft sind hierbei als interdependent zu betrachten.

Die strukturellen Bedingungen können als Meso- oder Makro-Ebenen (Coleman 1986; Friedrichs 2016) verstanden werden und stellen die Rahmenbedingungen für im weitesten Sinne verstandene Handlungen und auch soziale Problemlagen dar. Oder anders formuliert: Die Gesellschaft schreibt sich mit ihren objektiven Strukturen in die eigene Lebenswelt und damit in die subjektiven Handlungsmuster ein (Thiersch et al. 2012, p. 185). Diese befinden sich außerhalb des Individuums oder des Herkunftshaushaltes und entziehen sich deshalb auch der direkten Einflussnahme und Kontrolle durch das Individuum. Abseits von politischen Einheiten (Bundes-, Landes- oder Kommunalpolitik), die den Handlungsrahmen maßgeblich definieren oder soziologisch ausgedrückt die externen und internen Bedingungen der Logik der Situation ausmachen (Esser 1999), gibt es Kontexte, wie etwa die Nachbarschaft oder den Stadtteil (relevanter sozialräumlicher Kontext), die die Lebenswelt und Lebenswirklichkeit der Menschen, die in ihnen leben (besonders für Kinder), beeinflussen. Diese Erkenntnis etablierte sich schon recht früh bspw. in den Bemühungen der Settlement-Bewegung und manifestiert sich in den verschiedenen Facetten der Gemeinwesenarbeit bzw. in allgemeineren Konzepten der Sozialraumorientierung.

Weniger ausformuliert bleibt jedoch die theoretische Fundierung für die potenzielle Wirkung von sozialräumlichen Kontexten (ungeachtet der Ebene und der Operationalisierung) – also eine konkretere Beschreibung der angenommenen Wechselwirkung von Raum und Sozialem und dem Individuum. Einer Argumentation der Raumsoziologie folgend, kann derselbe Ort einen anderen Raum in Abhängigkeit haushaltspezifischer oder demografischer Merkmale konstituieren und so unterschiedliche Effekte hervorbringen und verweist hierbei auf die subjektive Wirklichkeitskonstruktion (Löw 2012) bzw. ein konstruktivistisches Verständnis von Wirklichkeit. Verhalten und Handeln kann mit dieser Argumentation und in Anlehnung an die Feldtheorie von (Lewin 1963 2012) als eine Funktion aus Eigenschaften der Person bzw. des Haushalts und der Umwelt verstanden werden, womit Effekte erst in Interaktion mit demografischen oder haushaltsspezifischen Charakteristika und der sozialen und materiellen Komposition eines relevanten sozialräumlichen Kontextes salient werden (Löw 2012, p. 244; Wodtke et al. 2017).

Soziale Räume werden also „durch soziales Tun erst (re)produziert und bilden zugleich einen diese sozialen Prozesse prägenden und in diesem Sinne durchaus stabilen Verbund“ (Kessl et al. 2010, p. 219). Es ist die subjektive Wahrnehmung, Interpretation und Verinnerlichung von vorgefundenen materiellen und immateriellen im soziologischen Sinne Strukturen (Hillmann 2007, p. 867), die das Handeln beeinflussen bzw. rahmen. Damit wird deutlich, dass Handeln, Verhalten und Entscheidungen immer vom relevanten sozialräumlichen Kontext abhängig sind, in dem sie eingebettet sind. Individuen treffen somit zu keinem Zeitpunkt Entscheidungen, welche unabhängig von den Optionen und Restriktionen ihrer Umwelt sind, die als Handlungsrahmen verstanden wird (Friedrichs et al. 2009; Galster 2012; Friedrichs et al. 2010; Friedrichs 2013).

Diese Aussage bezieht sich auf den in der jeweiligen Situation vorgefundenen Handlungsrahmen, aber auch auf die Prägungen durch ggf. andere Handlungsrahmen (Sozialisation). Denn vereinfacht gesagt sind die Sozialisationserfahrungen eines Individuums in der Persönlichkeit, also dessen Neigung, auf konsistente Art zu handeln, zu denken und zu fühlen, gespeichert. Dieser Argumentation folgend, hat die soziale Komposition als ein konstituierender Faktor des Handlungskontextes über verschiedene Mechanismen, einen Einfluss auf das Entscheidungsverhalten und die daraus resultierenden Handlungen (Mayer et al. 1989; Galster 2012; Friedrichs 2014).

Die nun folgenden Ausführungen beziehen sich vorrangig auf Effekte, die eine variierende soziale Komposition haben kann, und mögliche Mechanismen, die dieses erklären. Also das originär Soziale, was jedoch nicht als Abwertung der Relevanz des Materiellen (was auch als Materialisierung sozialer Prozesse verstanden werden kann) verstanden werden darf. Denn auch das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von Einrichtungen (bspw. ÖPNV, Schulen etc.) macht einen wirkmächtigen Teil dieses Rahmens (Opportunitätsstruktur) auf der Meso- oder Makroebene aus. Folgt man diesem Gedanken und stimmt diesem Grundprinzip zu, bedeutet dies wiederum, dass die Entstehung und der Fortbestand sozialer Problemlagen zumindest in Teilen auch abhängig von der Beschaffenheit des sozialräumlichen Kontextes (materiell und immateriell) sein können, in dem sie beobachtet bzw. vorgefunden werden. Soziale Probleme werden hier in Anlehnung an Bieker (2022) als Abweichung von einem gesellschaftlich erwünschten Sollzustand verstanden, der als bedeutend und veränderungsbedürftig angesehen wird (Bieker 2022, p. 25). Faktoren, die sich außerhalb des Individuums befinden und sich ggf. auch dessen bewusster Reflexion entziehen (wie es häufig bei der alltäglichen Lebenspraxis ist), haben somit einen Anteil an individuellen sozialen Problemlagen, die wir in der Sozialen Arbeit adressieren. Eine ausschließlich auf das Individuum gerichtete Interventionsstrategie käme damit in einigen Fällen der Arbeit an Symptomen und nicht an den zugrunde liegenden strukturellen Problemen gleich. Im Weiteren werden einige Annahmen der eigenen Forschung zur theoretischen Fundierung erwartbarer Effekte der sozialen Komposition in Bezug auf die Bildungswahlentscheidung am Ende der Grundschulzeit dargestellt, welche jedoch in generellen Zügen auch auf verschiedenste soziale Problemlagen bzw. Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit transferiert werden können.

(Sozioökonomische) Segregation – Struktur und Individuum

Segregation, definiert als eine disproportionale Verteilung von sozialen Gruppen mit identifizierbaren gleichen oder ähnlichen Merkmalen (am häufigsten untersucht sind hierbei sozioökonomische oder ethnische Merkmale) im Raum (Farwick 2012; Friedrichs 2000), führt als logische Konsequenz auch zu einer Ungleichverteilung materieller und immaterieller (bspw. in Anlehnung an die Kapitaltheorie Bourdieus (Bourdieu et al. 1971; Bourdieu 1992)) Ressourcen innerhalb dieser Gebiete (Hauf 2007; Alisch 2018). Dies gilt insbesondere, wenn sich ein hoher Anteil von Gruppen an Haushalten aus den oberen oder unteren Rängen einer Statusskala innerhalb des sozialräumlichen Kontextes wiederfindet (Galster 2012; Sampson et al. 1999; Wodtke et al. 2012). Diese Feststellung kann aber auch auf andere Formen der Segregation übertragen werden (bspw. demographische / ethnische Segregation). Der für die letzten Jahre festzustellende Anstieg der sozioökonomischen Segregation in Deutschland (Helbig et al. 2018; Goebel et al. 2015) verweist auf die immanente Notwendigkeit einer detaillierten Betrachtung für die Praxis der Sozialen Arbeit.

Mögliche Mechanismen

Die grundlegenden Annahmen sind, dass für einen positiven sozialen Kontakt die räumliche Nähe sowie soziale Ähnlichkeit (Homophilie-Prinzip) entscheidend sind (McPherson et al. 2001; Schelling 1969). Vereinfacht gesagt bietet ein positiver sozialer Kontakt die Möglichkeit, auf haushaltsexterne Ressourcen mittels sozialinteraktiver Mechanismen zuzugreifen bzw. von diesen beeinflusst zu werden. Seit Allport (1954) (Kontakthypothese) und den Erweiterungen und Überprüfungen wissen wir, dass ein positiver Kontakt zwischen Gruppen, über einen längeren Zeitraum und mit einem gemeinsamen Ziel, zum Abbau von Vorurteilen führen kann, aber eben auch zu einem Austausch bzw. einem Zugriff auf Ressourcen außerhalb des eigenen Herkunftshaushaltes.

Diese Ressourcen können nun aus einer gesamtgesellschaftlichen Perspektive als positiv oder negativ bewertet werden und bedingen damit die Entstehung von sozialen Problemen in bestimmten Gebieten in Abhängigkeit der sozialen Komposition in diesen Gebieten. Ressourcen sollen hier ganz allgemein und sehr weit gefasst als Normen und Werte, die übernommen werden, Verhaltensweisen (auch als Habitus bezeichnet (Bourdieu et al. 1971; Bourdieu 1992)), Aspirationen, aber auch den Zugang zu Informationen und sozialen Netzwerken, verstanden werden. Sozial-interaktiven Mechanismen (Galster 2012, p. 24 ff.) wird bei der Transmission dieser Ressourcen die größte Relevanz zugesprochen. Diese basieren auf verschiedenen theoretischen Erklärungsmodellen, welche simultan wirkend gedacht werden müssen. Die Ressourcentheorie (Wilson 1991; Wodtke et al. 2011) geht davon aus, dass armen Nachbarschaften wichtige institutionelle Ressourcen fehlen, die eine positive Entwicklung von Kindern unterstützen. Diese Theorie muss in Anlehnung an Bourdieus Kapitaltheorie (Bourdieu et al. 1971; Bourdieu 1992), erweitert gedacht werden. Nicht nur institutionelle Ressourcen spielen eine Rolle, sondern auch die Ressourcen, die innerhalb der potenziellen sozialen Netzwerke innerhalb des relevanten sozialräumlichen Kontextes vorhanden sind und über soziale Interaktion zugänglich werden können, sind relevant. Die Etablierung von abweichenden Normen und Verhaltensweisen (Sutherland et al. 1978), auf Basis einer geteilten Sozialisation (Ainsworth 2002; Brooks-Gunn et al. 1993) können Konsequenzen sein. Das Fehlen von positiven Vorbildern in Bezug auf einen möglichen Bildungserfolg kann die Bildungsentscheidungen beeinflussen. Auch eine Ansteckung durch Peers und Effekte der sozialen Kohäsion und des Informationsaustausches innerhalb sozialer Netzwerke und Institutionen (Mayer et al. 1989; Barnes et al. 2006) kann zur Übernahme vorgelebter Rollenmodelle und Verhaltensweisen führen. Diese Mechanismen erfahren eine breite empirische Unterstützung (Dietz 2002; Galster 2012; Nieuwenhuis et al. 2016).

Die Struktur, also die soziale Komposition und damit auch die ggf. lokal existierenden Normen und Verhaltensweisen, das Vorhandensein von Einrichtungen usw., ist jedoch kein Zufall, sondern Ausdruck der gesellschaftlichen Struktur – damit also sozial gemacht und veränderbar. Denn, frei nach Böhnisch (2016) erzeugt die kapitalistisch organisierte Gesellschaft strukturelle Herausforderungen, die biographisch bewältig bzw. bearbeitet werden müssen. Eine dieser Herausforderungen ist eben dann auch die Segregation, die eine biographische Verarbeitung für manche Gruppen oder Individuen erschwert – bzw. die strukturelle Bedingung der Segregation zu einer Verschiebung im Niveau des Erreichbaren führen kann – womit strukturell ungleiche Chancen entstehen können. Es ist jedoch kein Determinismus. Die subjektive Wirklichkeitskonstruktion bzw. die biographische Verarbeitung solcher strukturell gesellschaftlichen Bedingungen müssen berücksichtigt werden. Oder, wie weiter oben bereits festgestellt wurde, treten diese Effekte nicht pauschal aufgrund der äußeren Bedingungen auf, sondern es ist mit heterogenen Effekten in Abhängigkeit der Eigenschaften des Individuums bzw. des Herkunftshaushaltes zu rechnen.

Ergebnisse

Zusammenfassend kann ich für meine quantitativen Analysen (Wildfang 2022), die auf einer sehr aufwendigen Datenaufbereitung georeferenzierter Daten beruhen, Folgendes zeigen: In den nach Bildungsgruppen (niedrig/mittel/hoch – formale Bildung im Herkunftshaushalt) differenzierten Analysen kann gezeigt werden, dass bei einem bestimmten Anteil von statushohen bzw. statusniedrigen Haushalten innerhalb der Annäherung an den Schulbezirk der Grundschule heterogene Effekte auf die Wahrscheinlichkeit, nach der Grundschule das Gymnasium zu besuchen, in Abhängigkeit von der jeweils betrachteten Gruppe und der sozialen Zusammensetzung festgestellt werden können.

Höchste formale Bildung im Herkunftshaushalt Hoher Anteil statushoher Haushalte im Grundschulsprengel Hoher Anteil statusniedriger Haushalte im Grundschulsprengel
Niedrige formale Bildung Tendenziell leicht negativer Effekt (nicht sign.) Tendenziell leicht positiv Effekt (nicht sign.)
Mittlere formale Bildung Positiver Effekt (Anteil >3%)Negativer Effekt (Anteil >25%)
Hohe formale BildungPositiver Effekt (Anteil >12 %)Tendenziell leicht negativer Effekt (nicht sign.)
Tabelle 1: Vereinfachte Darstellung ausgewählter Ergebnisse aus Wildfang 2022

Für die Gruppe der Haushalte mit einer niedrigen formalen Bildung zeigen sich im Hinblick auf die Veränderung der Wahrscheinlichkeit, das Gymnasium zu besuchen, je nach sozialer Zusammensetzung, unterschiedliche Effekte. Die vorliegenden Ergebnisse zeigen jedoch keine signifikanten Effekte. Eine Konkurrenzsituation wird vermutet, wenn der Anteil der Haushalte mit hohem Status im sozialräumlichen Kontext hoch ist, was einen leicht negativen Effekt zur Folge hat. Wenn der Anteil der Haushalte mit niedrigem Status hoch ist, zeigt sich ein nicht signifikanter positiver Effekt, was ggf. auf den Unterschied zwischen einem niedrigen Status (Haushalte im sozialräumlichen Kontext) und einer niedrigen formalen Bildung (untersuchter Haushalt) verweist.

Die Gruppe der Haushalte mit einer mittleren formalen Bildung erfährt in Abhängigkeit der sozialen Komposition systematisch unterschiedliche Effekte, da diese von beiden Statusgruppen aufgrund einer gewissen sozialen Ähnlichkeit beeinflusst wird bzw. sich normkonform mit diesen verhält. Die Ergebnisse weisen auf die besondere Bedeutung von Haushalten mit mittlerer formaler Bildung hin sowie auf die Rolle lokaler Normen, Werte und Informationen. Dies wird als Unterstützung für die These des Wirkens sozial-interaktiver Mechanismen in Abhängigkeit räumlicher Nähe und einer gewissen sozialen Ähnlichkeit gewertet. Die Gruppe der Haushalte mit einer hohen formalen Bildung erfährt einen starken positiven Effekt auf die Wahrscheinlichkeit, nach der Grundschule das Gymnasium zu besuchen, wenn sich innerhalb ihres relevanten sozialräumlichen Kontextes ein hoher Anteil (> 12 %) statushoher Haushalte befindet. Die Ergebnisse verweisen abermals darauf, dass sich mit den vorherrschenden Normen in Bezug auf die Schulwahl konform verhalten wird. Tendenziell zeigt sich dieses Ergebnis auch bei der Analyse eines oberhalb eines Schwellenwertes liegenden Anteils statusniedriger Haushalte bei der Gruppe der Haushalte mit einer hohen formalen Bildung. Hier sinkt die Wahrscheinlichkeit tendenziell, die eigenständige Schulform des Gymnasiums zu besuchen. Der negative Effekt auf die Wahrscheinlichkeit, nach der Grundschule die eigenständige Schulform des Gymnasiums zu besuchen, wird damit erklärt, dass sich abermals normkonform verhalten wird. Mit dieser Entscheidung muss jedoch nicht das dieser Gruppe unterstellte Bildungsziel des Abiturs, verworfen werden. Für dieses Bildungsziel wird lediglich ein anderer Weg, bspw. der Besuch einer integrativen Schulform, die mehrere Bildungsziele anbietet, gewählt.

Insgesamt können also heterogene Effekte festgestellt werden, was als Indikator für die Validität der Annahme gewertet wird, dass neben räumlicher Nähe als Grundvoraussetzung für das Wirken sozial- interaktiver Mechanismen auch die soziale Ähnlichkeit ein Hauptfaktor zur Erklärung heterogener Kompositionseffekte ist. Die Ergebnisse haben nicht nur Relevanz für die spezifische Forschungsfrage, sondern weisen auch auf die Bedeutung für andere sozialwissenschaftliche bzw. sozialarbeiterische Themen hin. Die Berücksichtigung des sozialräumlichen Kontextes und insbesondere der Effekte lokaler Normen, Werte und Informationen könnte zu einem umfassenderen Verständnis und zu präziseren Analysen führen.

Ein solches Vorgehen mag auf den ersten Blick kleinlich oder stark reduktionistisch erscheinen, aber es würde die Effektivität unserer Arbeit steigern, wenn wir in der Lage wären, konkrete Mechanismen und damit ihre Wirkungsketten zu benennen. Die Ergebnisse dieser reduktionistischen Forschung hinsichtlich der unterliegenden Mechanismen müssen jedoch wieder in eine ganzheitliche oder holistische Betrachtung/Bearbeitung von individuellen Lebenslagen einfließen. Die Quintessenz daraus ist, dass das Individuum im Mittelpunkt unserer Arbeit steht, wir aber – und das ist ein Imperativ – ohne eine konkrete Antwort auf das „wie genau“ zu haben, Wege finden müssen, genau diese Strukturebene auch zu erfassen und in unsere Interventionen mit einzubeziehen. Im Fokus stehen hier lokal existierende Normen, die das Entscheidungsverhalten oder allgemeine Handlungen beeinflussen. Das bedeutet dann aber auch, dass eine reine Sozialraumanalyse auf Basis objektiv feststellbarer Fakten und Kennzahlen nicht die subjektiv erlebte Lebenswirklichkeit einzelner Haushalte oder Individuen innerhalb eines betrachteten Gebietes darstellen muss – also nicht ausreicht! Vielmehr ist es notwendig, in Anlehnung an die kurze Beschreibung der sozialen Interaktionsmechanismen einen Rahmen für positive Kontakte zwischen Gruppen zu schaffen, um die Möglichkeit des Ressourcenaustausches zu gewährleisten bzw. zu unterstützen. Damit soll nicht automatisch das stadtplanerische Ziel ausgerufen werden, eine absolute Gleichverteilung sozialer Gruppen im Raum zu erreichen.

Der Transfer auf die Soziale Arbeit bestünde darin, die konkreten Mechanismen, welche zur Entstehung von sozialen Problemlagen beitragen, genauer zu prüfen und hier vor allem einen Fokus auf strukturelle Aspekte (bspw. die soziale Komposition und lokale Normen) zu legen und diese Erkenntnisse in einen konstruktiven Zusammenhang mit bestehenden Theorien zu bringen. Meine Ergebnisse verweisen auf eine hohe Relevanz lokal existierender Normen in Bezug auf die Wahl der Schulform. Damit wäre die Analyse bzw. das Hinterfragen von lokal existierenden Normen in Bezug auf verschiedene Handlungen und Verhaltensweisen und deren aktives Hinterfragen bzw. Erforschen ein erster produktiver Schritt für die Soziale Arbeit. Dies erfordert ein Vorgehen abseits von quantitativen Methoden. Rekonstruktive Verfahren wie beispielsweise qualitative Interviews mögen hier zielführender sein. Die konkreten Mechanismen zu kennen, welche zur Entstehung von sozialen Problemlagen beitragen, macht einen gravierenden Unterschied, um zu erklären, wie Verhalten, Handlungen und Entscheidungen von Individuen erklärt werden können und damit auch welche, wie immer ausgestalteten Interventionen, ausgestaltet sein müssen, um zielgerichtet zu unterstützen.


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