Von Julia Kneuse — Letztens hörte ich einen Podcast mit dem durchaus polarisierenden Titel „Social Media ist tot“. Wenn man sich die Entwicklungen in der letzten Zeit anschaut, könnte man meinen, da ist was Wahres dran. Artikel zur Veränderung und dem Niedergang von Sozialen Medien gibt es zuhauf, zum Beispiel hier oder hier. Facebook ist längst keine Plattform mehr, über die man mit Freund*innen in Verbindung bleibt. Vielmehr erhält man über den Feed fast ausschließlich Infos und Werbung zu Produkten, man konsumiert „Content“. Inhalte auf Twitter sind seit die Plattform von Elon Musk gekauft und in X umbenannt wurde, kaum mehr zu ertragen. Und Instagram spielt seit der Übernahme durch den Meta Konzern auch immer mehr Werbung in den Feed. Man könnte also radikal sein und sich bei allen Accounts abmelden. Das würde Frust, Zeit und Geld sparen. Oder etwa nicht? Warum ich finde, dass das nicht der richtige Weg ist, möchte ich im Folgenden erläutern – vielleicht auch ein bisschen, um meine eigene Position als Social Media Beauftragte der DGSA zu überprüfen.
#DGSA auf Social Media
Ende kommender Woche (26. – 27.04.2024) findet die diesjährige Tagung der DGSA statt. Zum Thema „Soziale Arbeit als Akteurin im Kontext gesellschaftlicher Transformation“ treffen sich auf der #DGSA2024 Mitglieder der DGSA und andere Interessierte an der Ernst-Abbe-Hochschule in Jena. Seit Corona erstmals wieder in Präsenz. An zwei Tagen wird es Diskussionen in Panels, Workshops und Posterpräsentationen geben sowie den beliebten persönlichen Austausch zwischen den einzelnen Veranstaltungen und am Abend. Einen Blick ins Programm und die Möglichkeit zur spontanen Teilnahme gibt es hier.
Als Social Media Beauftragte der DGSA werde ich auch vor Ort sein und über die Tagung auf den verschiedenen Kanälen der DGSA berichten – im Moment sind das Instagram, Facebook und X (ehemals Twitter). Aber warum eigentlich? Das fragen sich jetzt vielleicht ein paar Leser*innen dieses Beitrags nach meiner Einleitung. Wieso soll über die Tagung auf Social Media berichtet werden? Was bringt das schon, wenn Nutzer*innen auf z.B. Instagram von der #DGSA2024 erfahren? Der direkte Austausch – untereinander und persönlich – ist doch viel wichtiger. Sie finden vielleicht auch, dass die Inhalte einer wissenschaftlichen Tagung ja nur sehr verkürzt über einen Beitrag auf Social Media vermittelt werden können. Oder Sie sagen sich, ich möchte mich auf das Vor-Ort-Sein konzentrieren und auf die Inhalte fokussieren. Da haben Sie zum Teil sicherlich Recht.
Ich finde es gibt trotzdem mindestens zwei Gründe, weiter auf Social Media aktiv zu sein und auch über die Tagung #DGSA2024 zu berichten – und beide haben etwas mit gesellschaftlicher Transformation zu tun.
Grund 1: Wandel der Nachrichten- und Informationswege
Der Anstieg der Nutzung von Social Media Kanälen weltweit ist beachtlich: 2024 nutzen laut Statista 5,04 Milliarden Menschen auf der Welt Social Media Kanäle, 2012 waren es noch 1,48 Milliarden (Zur Statistik auf Statista).
Bei genauerer Beobachtung lässt sich feststellen, dass sich besonders junge Menschen (zwischen 18 und 24 Jahren) über Social Media Kanäle zu Nachrichten und Themen, die sie interessieren, informieren. Kanäle wie Youtube, Instagram und Tiktok nehmen mittlerweile eine ebenso wichtige Rolle in der Nachrichten- und Informationsvermittlung ein, wie die klassischen Medien Fernsehen, Radio oder Webseiten.
Das Projekt #UseTheNews der dpa (Deutsche Presse Agentur) hat bereits 2020 herausgefunden: „Junge Internetnutzerinnen und Nutzer im Alter zwischen 18 und 24 Jahren haben nur ein gering ausgeprägtes allgemeines Interesse an Nachrichten – zumindest an klassischen ‚hard news‘. Die meisten erreichen nachrichtliche Informationen am ehesten über soziale Medien. Zwar werden Plattformen wie Instagram, YouTube, Facebook und Co. überwiegend nicht gezielt für die Suche oder die Rezeption von Nachrichten genutzt, aber junge Nutzerinnen und Nutzer kommen dort beiläufig in Kontakt mit Nachrichteninhalten und fühlen sich dadurch – für ihre Bedürfnisse – ausreichend über aktuelle Ereignisse in Deutschland und der Welt informiert“ (Über das Projekt #UseTheNews). #UseTheNews bezieht sich hier unter anderem auf den „Reuters Institute Digital News Report 2023“ vom Leibniz-Institut für Medienforschung und dem Hans-Bredow-Institut (HBI). So erreichen laut des Reoprts Nachrichteninhalte auf Instagram in einer gewöhnlichen Woche z.B. „22 Prozent der 18- bis 24-Jährigen und auf YouTube 21 Prozent der 25- bis 34-Jährigen. Auf TikTok sehen mittlerweile rund neun Prozent der 18- bis 24-Jährigen regelmäßig Nachrichten“ (siehe Seite 48 des aktuellen Reports).
Social Media Kanäle sind also längst extrem wichtige Informationskanäle, über die Menschen (besonders die Jüngeren) erreicht werden können – auch um auf Themen rund um die Wissenschaft Soziale Arbeit aufmerksam zu machen. Das Besondere an Social Media ist ja auch, dass sie es Einzelpersonen oder Organisationen ermöglicht, ihre Meinungen und Anliegen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, ohne auf traditionelle Medien angewiesen zu sein. Diese Demokratisierung der Kommunikation hat dazu geführt, dass soziale Bewegungen schneller mobilisiert werden können und Themen, die zuvor vernachlässigt wurden, ins Rampenlicht gerückt werden können. Ein Beispiel für ein solches, eher „nischiges“ Thema aus der Wissenschaft war der Hashtag #IchbinHanna, zu dem es auf dem Blog der DGSA einen Blogbeitrag gibt. Genauso können sich aber auch falsche Informationen verbreiten und die Grenzen zwischen z.B. Journalismus und persönlichen Meinungen verschwimmen.
Grund 2: Die Kehrseite der Demokratisierung von „Wissen“ durch das Internet
Social Media Kanäle werden aktuell häufiger für die Verbreitung von antidemokratischen Inhalten genutzt. Auch zu gesellschaftlichen Veränderungen, sozialpolitischen Entscheidungen und marginalisierten Gruppen gibt es in Sozialen Medien häufig stark polarisierende Inhalte, die problematisch sein können. Polarisierung schafft Clicks und Likes und ich bin der Ansicht, man sollte dieser Tendenz inhaltlich etwas entgegenstellen.
Ein Beispiel für den inhaltlichen Wandel von Social Media Kanälen ist die Plattform Twitter (nach dem Kauf durch Elon Musk umbenannt in X). Auf der Plattform werden aktuell kaum mehr Beiträge kontrolliert, falsche Informationen gelöscht oder Hate Speech gefiltert. Die Plattform verliert zwar seit der Übernahme kontinuierlich Mitglieder, trotzdem waren es laut dem Magazin Wirtschaftswoche immer noch 245 Millionen Nutzer*innen pro Tag im September 2023. Und die vielen Nutzer*innen, die X verlassen, sind in meinen Augen „die Vernünftigen“, die fürs Gleichgewicht eigentlich besser bleiben sollten … um nur zwei Beispiele zu nennen: Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes ist schon lange weg, kürzlich verabschiedete sich auch der Kanal der Satire-Sendung Extra 3.
- Zur quantitativen Einordnung der Nutzer*innen-Zahlen bei Twitter/X: Auf der alternativen Plattform BlueSky vom Twitter-Mitbegründer Jack Dorsey sind aktuell etwas über 4 Millionen Personen angemeldet (Stand Anfang April 2024). Die Zahl dürfte ab jetzt jedoch schnell ansteigen, da die Plattform seit Februar 2024 für alle geöffnet ist und man keinen Einladungs-Code mehr benötigt (https://www.heise.de/news/Bluesky-waechst-auf-ueber-4-Millionen-Nutzer-9622211.html).
In dem hörenswerten Beitrag mit der Medienforscherin Lara Franke: „Social Media – Wie Algorithmen Rechtsextremismus begünstigen“ wird beschrieben, dass Jugendliche zur Unterhaltung und Informationsbeschaffung sehr häufig TikTok nutzen (Link zum Beitrag auf Deutschlandfunk). Auch politische Bildung findet auf TikTok statt, denn politische Inhalte sind dort verfügbar und werden folglich auch abgerufen und konsumiert. Lara Franke kritisiert im oben genannten Beitrag die Desinformation oder Meinungsmache gegenüber zum Beispiel Geflüchteten und wünscht sich größeren Fokus auf die frühzeitige Bildung von Medienkompetenz. Es wird zwar kein direkt kausaler Zusammenhang erkennbar, aber die Ergebnisse der Mitte Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung von 2022/23 könnten trotzdem einen Trend implizieren – Social Media als Orte politischer Bildung. Die Umfrageergebnisse zeigen einen gravierenden Anstieg der jungen Menschen zwischen 18-34 Jahre mit Zuspruch für ein rechtsextremes Weltbild – und zwar auf 12,3%. 2020/21 waren es in der Altersgruppe 17-30 Jahre noch nur 1%. Damit gibt es im Vergleich mehr junge Menschen mit rechtsextremen Einstellungen als ältere. Der Anstieg ist enorm finde ich. In der Gruppe ab 65 Jahre und älter sind es 2022/23 „nur“ 4,4 %, die ein rechtsextremes Weltbild vertreten. 2020/21 waren es 3,4 % (Link zur Studie). Wie gesagt, kausal nachgewiesen ist das nicht.
Trotzdem: Der Kanal TikTok ist aktuell der beliebteste Social Media Kanal für die junge Generation um die 20. Laut einem Beitrag auf Deutschlandfunk ist die Spitzenreiterin der politischen Akteur*innen auf TikTok aktuell die AFD Bundestagsfraktion mit über 400.000 (!) Followern – verglichen mit der CDU, die ca. 3500 Follower hat (Bericht dazu auf Deutschlandfunk). Das hat mich ehrlich gesagt überrascht und war mir bisher nicht bekannt – die DGSA ist auf dem Kanal nicht vertreten und ich bin privat dort auch nicht unterwegs, da ich jenseits der 40 nicht zur klassischen Zielgruppe gehöre. Dem starken Vorsprung der AFD wollen die anderen Parteien nun etwas entgegensetzen und so den Gap auf TikTok möglichst schnell aufholen. Seit Anfang April 2024 ist also auch Bundeskanzler Olaf Scholz auf der Plattform präsent … vielleicht lege ich mir doch auch mal einen Account an. Zu Forschungszwecken.
Neben TikTok und Co. wird auch das sogenannte „Dark Social Media“ wichtiger für die Meinungsbildung. Gemeint sind WhatsApp- und Telegram-Gruppen, in denen teils unmoderiert, unkontrolliert Inhalte und Meinungen als vermeintliche Tatsachen verbreitet werden. Das Korrektiv fehlt in den Gruppen an vielen Stellen, so dass sich extreme Meinungen und falsche Nachrichten schneller verfestigen können (noch mal auf Deutschlandfunk, auch ich stecke in einer Bubble 😅).
Weder auf TikTok noch in den „Dark Social Media“ Channels hat die DGSA aktuell ein Profil. Darüber zu diskutieren, inwiefern das für eine wissenschaftliche Fachgesellschaft Sinn macht oder auch nicht, würde wohl einen weiteren Blog-Beitrag füllen. Generell bieten sich sowohl TikTok als auch WhatsApp-Gruppen als Plattformen an, die von Akteur*innen der Sozialen Arbeit genutzt werden können – um ihre jeweiligen Zielgruppen zu erreichen.
Grundsätzlich verändert sich also was auf Social Media – auf allen Kanälen. Und ich finde, da muss man inhaltlich doch was gegenhalten – auch auf allen Kanälen. Und darum werde ich über #DGSA2024 berichten, vorwiegend über Facebook und Instagram, und es würde mich umso mehr freuen, wenn möglichst viele zu Praxis, Forschung und Wissenschaft Sozialer Arbeit auf Social Media aktiv werden und sich vernetzen. Wer auf der Tagung Ende dieser Woche dabei ist, ist eingeladen, unter dem Hashtag #DGSA2024 Eindrücke aus den 65 Panels und Workshops über ihre und seine Kanäle zu teilen. Ich bin gespannt auf Kommentare sowie den Austausch untereinander, vielleicht ja auch persönlich bei #DGSA2024 in Jena.
Julia Kneuse ist seit 2021 Social Media Beauftragte der DGSA. Sie hat Kommunikationsdesign und Soziale Arbeit studiert und arbeitet seit Herbst 2022 als Sozialarbeiterin in der Flüchtlingsambulanz am UKE in Hamburg (Kinder- und Jugendpsychiatrische Ambulanz).
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