Hochschule gestern, heute und morgen: Der Geist weht, wo er will?!

Eine persönliche Einlassung — von Michael Domes.

Jetzt doch auch einmal ein Beitrag von mir in diesem Format, in der Hoffnung, dass dieser Antworten aus der Community hervorruft – Antworten, die den Raum für weiteren Austausch öffnen, also eigentlich zu weiteren Fragen führen.

Anlass ist der Beitrag von Matthias Weser in den aktuellen Widersprüchen Wissenschaft als eine reproduktive, kulturelle und politische Tätigkeit betreiben – Skizze einer De-Fragmentierung.[i] Dieser Beitrag hat bei mir etwas angerührt, beziehungsweise mich berührt, und das kommt bei Fachtexten leider nicht so häufig vor. Weser schließt seinen Beitrag mit einer Frage und zwar, „wie eine Wissenschaft institutionell und kognitiv aussehen würde, die nicht von ihrem Lohnarbeitscharakter dominiert wird“ (Weser 2023: 106). Er lädt dazu ein, „Bilder von einer anderen Ausrichtung von Wissenschaft zu beschreiben und (kollektive) Prozesse der De-Fragmentierung anzuregen“ (Ebd.). Vieles hat mich an den Beitrag von Mischa Engelbracht[ii] Zum Wert des akademischen Ortes in den Sozialen Passagen erinnert, in dem er sich mit den Rahmenbedingungen der Gestaltung von Studiengängen vor dem Hintergrund einer beschleunigten Hochschule auseinandersetzt – als, wie er es nennt, eine Vergewisserung.

Dann war ich gleich auch gedanklich bei Heiner Keupps Abschiedsvorlesung Universität Adieu!?[iii], sein persönlicher Rückblick und Ausblick auf die Zukunft der Universität, Utopie und Melancholie in einem Text vereint. Er endet mit vier Wünschen (und Wunsch signalisiert ja schon einen Mangel im Hier und Jetzt), die ich in voller Länge zitieren möchte:

  • „Ich wünsche mir, dass die Universität wieder ein Ort kritischer Reflexion wird und nicht nur ein Ort ist, an dem funktionierende >Angestellte< möglichst schnell geformt und wieder verabschiedet werden.
  • Ich wünsche mir eine Universität, die im Sinne eines kritischen Bildungsbegriffes Studierenden die Chance zur Entwicklung eigenständiger Persönlichkeits- und Fachprofile ermöglicht.
  • Ich wünsche mir eine Universität, die gesellschaftliche Verantwortung übernimmt und an der die wichtigen Zukunftsthemen unserer globalen Welt einen Ort des öffentlichen Diskurses und der Auseinandersetzung finden.
  • Ich wünsche mir eine Universität, die sich selber als demokratische Institution begreift und im Sinne einer zivilgesellschaftlichen Perspektive alle Angehörigen an der Gestaltung der universitären Lebenswelt beteiligt.“ (Keupp 2010: 149)

Das war 2008. Zwei Jahre später greift Wolfgang Stark[iv] die Gedanken Keupps in seinem Beitrag Hochschulbildung als gesellschaftliche Verantwortung erneut auf. Er schließt mit den Worten:

„Der Kern einer neuen Universität sollte daher eher den interdisziplinären „Blick über den Tellerrand“ fördern, systematisch zur „Fehlerfreundlichkeit“ und zum Experiment ermutigen und eine Kultur des kritischen und produktiven Hinterfragens fördern, die Entwicklung einer Lernkultur in und zwischen gesellschaftlichen Organisationen unterstützen und, nicht zuletzt, die Persönlichkeiten und Identitäten zukünftiger Generationen und Führungskräfte bilden, in dem sie soziale und gesellschaftliche Verantwortung und das Gemeinschaftsgefühl stärken.“ (Stark 2010)

Genug zitiert an dieser Stelle. Sonst könnte man mir durchaus den Vorwurf des „scholarly bullshits“[v] machen und damit wären wir dann letztendlich eigentlich wieder bei den Thesen bzw. Gedanken von Matthias Weser zu Beginn meines Beitrags.

Deshalb vielleicht etwas anders – sehr persönliche Gedanken und Fragen, die mich bewegen, die mich berühren, die mich (immer noch) nicht loslassen. Aus (mindestens) zwei Gründen: Meine Leidenschaft für Lehre und meine Leidenschaft, (junge) Menschen auf ihrem Weg – und zu diesem gehören auch Neben-, Seitenstraßen, vielleicht auch Sackgassen und Irrwege – zu begleiten,  (Subjekt-)Bildungsprozesse anzuregen bzw. immer wieder der Versuch, dafür Räume zu schaffen und eine Atmosphäre herzustellen, die dies ermöglichen kann – als Angebot, das natürlich auch abgelehnt werden kann und darf.

Und damit bin ich auch bei meiner Verantwortung als Hochschullehrer. Leicht ist es (von außerhalb), Praxis zu kritisieren. Leicht ist es, Studierende zu kritisieren (Wie war ich eigentlich als Student?). Mit Selbstkritik sieht es da schon etwas anders aus. Und ja: Ich bin auch (für manche) Vorbild, ob ich das will oder nicht. Kritik am System Hochschule, am Wissenschaftsbetrieb (nach Bologna) gibt es zuhauf.  Schnell wäre die Literaturliste länger als der eigentliche Text. Ähnliches gilt für Beiträge zur Gestaltung nachhaltiger Bildungsprozesse und zu einer (korrespondierenden) Didaktik, die nicht nur nach dem Nürnberger Trichter (Anm. d. Redaktion: Link zur Erläuterung) funktioniert. Erkenntnisse gibt es genug – nur an der Umsetzung mangelt es weiterhin. Und da frage ich mich schon, immer wieder: Wo bleibt denn der Widerstand aus unseren Reihen, insbesondere, wenn wir unsere Studierenden ja im Sinne einer kritischen Sozialen Arbeit auch zu widerständiger Praxis befähigen wollen (wobei ein rezepthaftes Befähigen von außen das eh ad absurdum führen würde)? Oder bleibt es eigentlich nur bei einem Jammern und Klagen über das System?

Wann habt ihr (und ich erlaube mir hier diese direkte Ansprache) denn das letzte Mal bei einem Gespräch mit einer Kolleg*in auf die Frage Wie geht es Dir? etwas anderes gehört als: „(zu) viel gerade, keine Zeit, komme kaum hinterher, brauche dringend eine Pause, wenn… doch…“

Ich verstehe mich als Hochschullehrer bzw. als Wissenschaftler nicht als neoliberale Ich-AG im Wissenschaftsbetrieb[vi] und zugleich nehme ich immer mehr Entwicklungen in diese Richtung wahr. Und damit sind wir eigentlich wieder bei der Kritik von Heiner Keupp aus 2008. Was ist eigentlich seitdem passiert oder eben gerade nicht?

Immer mehr, so empfinde ich das, geht es nur noch um die Einwerbung von Drittmitteln (Antragssprache als dominierende Form der Kommunikation), das Publizieren um des Publizierens willens (oder um dafür Punkte in einem messbaren Leistungssystem[vii] zu erhalten), um Verwertbarkeitslogiken. Es geht darum, (Wissenschafts- und Lehr-)Leistungen zu erbringen. Die Sprache der Wissenschaftspolitik ist ein einziges „höher-schneller-weiter-mehr“: Exzellenzstrategie, Wettbewerb um die besten Köpfe, Konkurrenz um knappe Mittel und Stellen (vor allem auch in der Qualifizierungsphase – als ob diese Kolleg*innen nicht qualifiziert wären), Spitzenprofessor*innen, Erstklassigkeit, da wird Gründergeist entfacht und nach dem Meilenstein ist vor dem nächsten Meilenstein, Rekordgeschwindigkeiten und eine Ausschreibung jagt die nächste.

Ich komme gar nicht mehr hinterher bei der Flut an Publikationen. Und noch ein Beitrag, den ich gelesen haben müsste, sollte? Ich komme ebenfalls gar nicht mehr hinterher bei den ganzen Konferenzen und Tagungen. Wo es am Ende heißt: Dieses Jahr hatten wir noch mehr Teilnehmer*innen und noch mehr Panels/Vorträge als im letzten Jahr! Quantität als Qualitätskriterium? Und auf der Heimfahrt im Zug noch schnell die liegengebliebenen Mails und Teams-Nachrichten abarbeiten oder gleich die Vorbereitung auf den nächsten Vortrag…

Gerade frage ich mich: Bin ich jetzt nicht auch nur im Jammermodus und mache genau das, was ich eben noch kritisiert habe? Ja, es gibt Beispiele einer anderen Wissenschafts- und Lehrpraxis. Ja, ich komme immer wieder in Kon-Takt mit Studierenden und Kolleg*innen. Ich erlebe (immer wieder) berührende Momente in Lehrveranstaltungen, in denen etwas passiert. Ja, es geht anders! Vielleicht vergesse ich manchmal die Möglichkeiten, die mir die Freiheit der Lehre weiterhin eröffnet. Zugleich wünsche ich mir mehr Räume, in denen wir Lehrende uns genau über diese Fragen austauschen, ohne dass das Ganze sofort in konkrete Maßnahmen oder Hochglanzbroschüren überführt werden muss (im Rahmen einer AG oder eines open space oder eines innovation hubs). Wildes Denken, professionelle Langsamkeit, Zeit, um zu verweilen bei Themen, mit Kolleg*innen oder Studierenden und nicht nahtlos in die nächste Zoomsitzung überzugehen. Echte Präsenz und nicht nur flüchtiges Dabei-Sein, immer auf dem Sprung. – Universität als „ein offener, freundlicher Ort, ein Ort der Freiheit, (…) dieser utopische Ort, der sie sein sollte. (…). Ein Ort des freien Geistes“ (Timm 2020: 152).[viii]

Und ich wünsche mir mehr Solidarität, ein Wir als Hochschullehrende (und Studierende), ein Wir, das vielleicht den Mut hat oder braucht, die Überzeugung zu vertreten: Ein Weniger ist viel Mehr! Und diese Solidarität gründet sich auf unser Mensch-Sein. „Wir sind Menschen, bevor wir Wissenschaftler sind, und bleiben es, auch nachdem wir eine Menge vergessen haben“ (Lévinas 1991: 9).[ix]

War das nicht schon immer wichtig und bedeutsam? Heute vielleicht aber umso mehr, wenn wir „Hochschulen als zentrale Instanzen der Widerständigkeit gegen das Verspielen von Zukunftschancen“ (Vogt 2019: 8)[x] begreifen, wenn Hochschulbildung mehr als nur „die neue Blödmaschine“ (Winkler 2015: 68)[xi] sein soll?

Mich berührt das! Mich geht das an! Mich regt das auf! Geht es nur mir so?


[i] Weser, M. (2023): Wissenschaft als eine reproduktive, kulturelle und politische Tätigkeit betreiben – Skizze einer De-Fragmentierung. In: Widersprüche (43) 170, S. 99-108.

[ii] Engelbracht, M. (2023): Zum Wert des akademischen Ortes. Rahmenbedingungen der Gestaltung von Studiengängen vor dem Hintergrund einer beschleunigten Hochschule – eine Vergewisserung. In: Soziale Passagen, Vol. 15, S. 601-608.

[iii] Keupp, H. (2010): Universität Adieu!? Abschiedsvorlesung vom 15. Juli 2008 an der LMU München. In: Psychologie und Gesellschaftskritik, 33/34 (4/1), S. 133-151.

[iv] Stark, W. (2010): Hochschulbildung als gesellschaftliche Verantwortung. In: Forum Gemeindepsychologie (15), Nr. 2. Verfügbar unter: Forum Gemeindepsychologie: fg-2-2010_14.

[v] Kirchherr, J. (2023): Bullshit in the Sustainability and Transitions literature: a Provocation. In: Circular Economy and Sustainability, Nr. 3, S. 167-172.

[vi] Vgl. Hirschfeld, U. (2015): Beiträge zur politischen Theorie Sozialer Arbeit (hier: Hochschule, Studium und das neoliberale Curriculum), Hamburg: Argument.

[vii] Vgl. auch: Mau, S. (2017): Das metrische Wir. Über die Quantifizierung des Sozialen, Frankfurt: Suhrkamp.

[viii] Timm, U. (2020): Der Verrückte in den Dünen. Über Utopie und Literatur, Köln: Kiepenheuer & Witsch.

[ix] Lévinas, E. (1991): Außer sich. Meditationen über Religion und Philosophie, München/Wien: Carl Hanser.

[x] Vogt, M. (2019): Ethik des Wissens. Freiheit und Verantwortung der Wissenschaft in Zeiten des Klimawandels, München: oekom.

[xi] Winkler, M. (2015): Bildung als moderne Strategie der Einschließung. In: Kommission Sozialpädagogik (Hrsg.): Praktiken der Ein- und Ausschließung in der Sozialen Arbeit, Weinheim und Basel: Beltz Juventa, S. 57-77.


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